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13. Kapitel

Hier findet ihr die Diabetes-Geschichte!
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13. Kapitel

Beitragvon Caro » 9. April 2006 16:09

Nathalies Besuch

Als Jessica, immer noch lesend, in ihr Zimmer zurückkehrte, erwartete sie eine gehörige Überraschung.
„Nathalie! Was machst du denn hier?!“, rief sie überrascht und umarmte ihre Freundin.
„Blöde Frage! Dich besuchen, natürlich“, strahlte diese. „Hallo, Frau Kissing, hallo, Herr Kissing“, begrüßte sie Jessicas nachfolgende Eltern.
„Hallo, Nathalie. Na, das ist ja eine Überraschung“, meinte Jessicas Vater. „Brauchst du uns jetzt noch hier, Jessica?“
„Nein, ich glaube, Nathalie und ich quatschen lieber alleine.“
Im nächsten Moment biss sie sich ärgerlich auf die Lippen und drehte sich schuldbewusst zu Janines Bett um. Doch das war leer.
„Gut, dann gehen wir jetzt. Vielleicht schaue ich heute Abend noch einmal vorbei“, verabschiedete sich Jessicas Vater und auch ihre Mutter winkte ihr.
Dann verließen sie gemeinsam das Zimmer.
„Mensch, Nathalie, ich muss dir so viel erzählen!“
„Na, dann schieß mal los. Wie ist es hier so? Sind alle nett zu dir?“
„Aber sicher doch. Alle hier sind superfreundlich. Nur vorhin ist mir eine Schwersternschülerin begegnet, das glaubst du gar nicht… Die war vielleicht zerstreut! Sie hat immer meinen und Janines Namen vertauscht und den von Rita konnte sie sich auch nicht merken, aber so war sie eigentlich ganz nett. Sie dachte aber dann, ich würde sie für total durchgeknallt halten, was ja auch eigentlich stimmte, aber irgendwie auch nicht. Jedenfalls …“
„Hey, stopp, mach mal ’ne Pause!“, unterbrach sie Nathalie lachend. „Ich komme ja gar nicht mehr mit. Wer ist Janine? Und wer ist Rita?“
„Ach so, die kennst du ja noch gar nicht! Also, Janine liegt mit mir auf einem Zimmer- normalerweise. Ich habe keine Ahnung, wo sie jetzt ist. Sie ist eigentlich ganz nett, aber wirklich reden tut sie nur mit mir. Zu den Anderen ist sie immer so komisch, sagt kaum ein Wort und ist unglaublich schüchtern. Und dann schaut sie sich immer solche kindischen Sachen im Fernsehen an. Gestern zum Beispiel liefen erst die Tweenies, dann Chip und Chap und dann kam die Bibi Blocksberg-CD dran. Die hört sie immer vor dem Einschlafen!“
„Ist nicht wahr!“, quiekte Nathalie und lachte laut. „Was ist denn das für Eine?“
„Na ja, sie ist schon ziemlich komisch“, sagte Jessica und kam sich schon im nächsten Augenblick unglaublich schäbig vor.
Dass sie hinter Janines Rücken über sie lästerte, hatte Janine nicht verdient. Schließlich hatte sie ihr nichts getan. Schnell wechselte Jessica das Thema.
„Und Rita ist die Diabetesberaterin hier. Sie kennt dich sogar noch von früher, als du hier im Krankenhaus warst!“
„Wirklich? Ich kann mich an keine Rita mehr erinnern. Aber das ist ja auch alles schon Ewigkeiten her. Hey, hast du etwa mit ihr über mich gesprochen, oder wieso weißt du, dass sie mich noch kennt?“
„Ja…“, auf diesen Teil des Gespräches war Jessica gefasst gewesen, aber sie hätte ihn lieber ausgelassen. „Weißt du, ich komme mir jetzt plötzlich so blöd vor, weil ich früher nie mit dir über Diabetes gesprochen habe. Mich hat das, was du da machst, eigentlich nie interessiert. Aber jetzt, wo ich selbst Diabetes habe, ist mir klar, dass du dich dabei ziemlich schlecht gefühlt haben musst. Ich habe echt ein total schlechtes Gewissen, Nathalie!“
„Hey Jessy, das brauchst du doch gar nicht zu haben. Wer weiß, wie ich gehandelt hätte! So eine unbekannte Krankheit kann einem wahrscheinlich ganz schön viel Angst einjagen. Ich weiß nicht, ob ich an deiner Stelle so scharf darauf gewesen wäre, mit mir darüber zu reden. Hätte ich dir einmal davon erzählt, wäre nachher vielleicht nicht mehr alles so gewesen, wie es vorher war. Du hättest mich möglicherweise als eine Art Behinderte…“
„Nein, das hätte ich nie gemacht!“, fiel Jessica ihr protestierend ins Wort.
„Das sagst du jetzt, Jessy. Aber wer weiß, hättest du von mir das erste Mal von Diabetes gehört, gehört, dass ich andauernd mit einem spitzen Ding in meine Finger pieksen muss, um den Blutzucker zu kontrollieren; dass ich nach jedem Essen auf eine Spritze angewiesen bin, damit ich nicht eines Tages total überzuckert ins Koma falle; aber vor allem dass ich im Ernstfall zu hundert Prozent von der Hilfe anderer Leute abhängig bin- was hättest du gesagt?“
„Ich… ich weiß nicht. Vielleicht hätte ich nicht mehr so viel mit dir unternommen, aus Angst, du könntest plötzlich umkippen oder so“, Jessica kam sich sehr egoistisch vor, als sie das sagte. „Jetzt würde ich das natürlich nicht mehr machen“, fügte sie daher schnell hinzu.
„Das ist klar. Schließlich weißt du jetzt, dass Diabetes keine Schwerstbehinderung ist, sondern vielmehr eine kleine Einschränkung- du kannst eben nicht mehr essen, wann du willst.“
„Ich weiß.“
„Jetzt weißt du das. Früher…“
„Ja ja, ich weiß schon. Ich hätte nicht sehr positiv auf deinen Diabetes reagiert, wenn ich alles darüber gewusst hätte, glaube ich, da könntest du Recht haben. Aber daran will ich gar nicht erst denken. Wer weiß, ob du dann heute hier neben mir sitzen würdest.“
„Du meinst, wir hätten kein Wort mehr miteinander gesprochen? Immerhin gehen wir noch zusammen zum Gitarre spielen!“, entgegnete Nathalie.
„Nein, ich meine, wir hätten vielleicht noch oberflächlichen Kontakt gehabt. Ob wir wirklich befreundet gewesen wären, kann ich nicht sagen. Ich weiß wirklich nicht, ob ich mich distanziert hätte, oder deinen Diabetes einfach als einen Teil von dir akzeptiert hätte. Jetzt weiß ich eben viel besser, was Diabetes bedeutet. Vielleicht sollte jeder zumindest einen Tag lang Diabetiker sein, um zu wissen, was Diabetes wirklich ist.“
„Ja, vielleicht.“
Daraufhin trat ein Schweigen ein. Normalerweise war es Jessica peinlich, wenn keiner einen Ton sagte, aber in dem Moment schien es unpassend, noch etwas hinzuzufügen. Jede von ihnen machte sich jetzt ihre Gedanken. Was Nathalie wohl dachte? Hielt sie sie jetzt für eine schlechte Freundin? Jessica war doch nur ehrlich gewesen. War das falsch? Gab es Situationen, in denen man lügen musste, um den Anderen nicht zu verletzen?
Auf einmal bekam Nathalie einen fürchterlichen Lachanfall.
„Hahaha, Jessy, das ist vielleicht alles verrückt! Unter tausend Leuten, mit denen ich hätte Gitarre spielen können, die ich hätte kennen lernen können, lerne ich ausgerechnet dich kennen. Und kurz darauf bekommst du Diabetes. Ich glaube, das ist Schicksal!“
„Schicksal?“, Jessica schaute Nathalie an, als sei diese komplett übergeschnappt.
„Na, sicher. Irgendwer wollte, dass ich dich in der ersten Zeit nach der Diagnose unterstütze. Deswegen haben wir uns kennen gelernt!“
Jessica musste lachen. Nathalie hatte wirklich die verrücktesten Ideen.
„Okay, dann mal los, Frau Superdiabetikerin. Unterstützen Sie mich!“, grinste Jessica herausfordernd.
„Würde Ihnen fürs Erste eine CD als kleine Aufmunterung reichen?“, fragte Nathalie lachend und zog ein Geschenk aus ihrer Tasche.
„Her damit“, rief Jessica ziemlich unsensibel und riss ihrer jetzt laut lachenden Freundin das Geschenk aus den Händen.
Nathalies CDs waren berühmt-berüchtigt. Sie mixte für alle ihre Freunde Songs aus allen möglichen Musikrichtungen zusammen, von denen sie glaubte, dass sie ihnen gefallen könnten. Die Lieder bekam sie aus dem Internet, wo sie mit einem speziellen Programm fast kostenlos und legal Musik herunterladen konnte; und zwar so viel und so oft sie wollte. Jessica packte das Geschenk in einem Wahnsinns-Tempo aus und schaute dann andächtig auf die CD. Nathalie hatte sich wirklich Mühe gegeben. Auf dem Cover sah man ein Bild von Jessica und ihr selbst, dass sie auf Jessicas Geburtstag mit ihrer Digitalkamera geschossen hatte. Außerdem schmückte die Aufschrift „Diabetes-Schlechte-Laune-CD“ Nathalies Geschenk. Auf der Rückseite standen alle dreißig Titel, die Nathalie auf die CD gebrannt hatte. Teils kannte Jessica sie, teils nicht. Aber Nathalie traf ohnehin immer ihren Geschmack, also musste sie sich keine Sorgen machen, dass auch nur ein Lied nicht perfekt zu ihr passte.
„Voilà, das ist mein Lieblingstitel für dich auf dieser CD. Perfekt für dich“, sagte Nathalie und deutete mit ihrem perfekt manikürten Zeigefinger auf das siebte Lied.
„“Jessie“ von John Denver! Sehr passend“, sagte Jessica sarkastisch.
„Schließlich heißt du so!“, protestierte Nathalie.
„Du solltest wissen, dass ich mit -y und nicht mit –ie geschrieben werde“, entgegnete Jessica und tat außerordentlich beleidigt.
„Oh Mann, darauf kommt es ja nun wirklich nicht an“, lachte Nathalie.
„Na, ausnahmsweise verzeihe ich dir“, meinte Jessica augenzwinkernd. „Das Lied ist jedenfalls echt schön. Und “Don’t leave home“ ist auch dabei! Das habe ich in den letzten Tagen andauernd gehört. Zumindest kam es mir so vor. Danke, Nathalie, das ist echt super!“
„Bitte, bitte, keine Ursache. Was tut man nicht alles für seine Diabetiker-Freunde!“, scherzte Nathalie.
In dem Moment öffnete sich die Tür und Janine stand im Türrahmen. Sie musterte Nathalie mit ihren ungewöhnlich großen, unschuldigen, blauen Augen. Dann strahlte sie Jessica an.
„Hey, Janine… Das hier ist…“
„Freitag!“, unterbrach Janine sie, immer noch strahlend.
„Ähm, nein, das ist Nathalie.“
„Freitag!“, wiederholte Janine und hüpfte glücklich lachend durchs Zimmer.
Während Jessica anfing, langsam wirklich an Janines Intelligenz zu zweifeln, musste Nathalie sich abwenden, da sie den x-ten Lachanfall an diesem Tag bekam.
„Die ist ja noch verrückter, als ich dachte“, flüsterte sie Jessica zu.
Die versuchte es jetzt auf die pädagogische Art: „Okay, Janine, Freitag. Was auch immer du damit meinst, es ist in Ordnung. Aber bitte, werd wieder normal!“
Nathalie konnte nun endgültig nicht mehr und prustete laut los, doch Janine schien das gar nicht mitzubekommen und sagte wie in Trance: „Freitag darf ich wieder nach Hause!“
„Ach so, na sag das doch gleich! Das freut mich für dich!“, atmete Jessica erleichtert auf- Janine war doch nicht komplett durchgedreht. „Wo warst du denn gerade?“
„Bei Dr. Fuchs. Er meint, meine Werte hätten sich hier im Krankenhaus sehr zum Positiven geändert. Wenn ich so weitermache, könnte mein HbA1c wieder ganz normal werden. Ist das nicht toll?“, sagte Honigkuchenpferd Janine.
„Hb-was?“, fragte Jessica, die gerade das Gefühl hatte, mindestens eine Stunde verpasst zu haben.
HbA1c, das lernst du noch“, wisperte Nathalie.
„Okay“, nickte Jessica und schaute wieder zu Janine, denn sie ahnte, dass noch irgendetwas kommen musste.
„Das Beste kommt erst noch“, verkündete Janine auch prompt. „Morgen Nachmittag kommen mich meine Eltern besuchen!“
„Was?! Wirklich?!“, Jessica staunte nicht schlecht.
Das war tatsächlich das erste Mal, dass Janine über ihre Eltern sprach. Jessica brannte darauf, diese Leute kennen zu lernen, die von Janine bis heute totgeschwiegen wurden. Waren sie total ausgeflippt, so richtig Hippie-mäßig, dass man sich für sie schämen musste? Oder waren sie eigentlich ganz okay und Janine sprach nur nicht über sie, weil sie ihrer Meinung nach zu… erwachsen waren? Janine benahm sich immer so kindlich, vielleicht kam sie deshalb generell nicht so gut mit Erwachsenen klar. Oder war sie gar adoptiert und das waren gar nicht ihre leiblichen Eltern? Aber jetzt schien sie sich ja richtig auf den Besuch ihrer Eltern zu freuen. Was war Janines Geheimnis?
„Ja, wirklich! Und meine Mutter bringt Hansi Hase mit!“
„Ähm… wen?“, fragte Jessica verunsichert.
„Hansi Hase, mein Lieblingsstofftier. Ich habe Hansi, seit ich zwei Jahre alt bin“, berichtete Janine stolz.
Nathalies Lachanfall war glücklicherweise beendet, jetzt starrte sie nur noch entgeistert auf Janine, als hätte sie noch nie einen Menschen wie sie getroffen. Hatte sie auch wahrscheinlich nicht.
„Das hier ist übrigens Nathalie“, beeilte sich Jessica zu erklären, erstens, weil sie die Stille durchbrechen und zweitens, weil sie das Thema schnellstmöglich wechseln wollte. „Sie hat auch Diabetes und hat mich schon richtig gut unterstützt.“
„Aha. Hallo“, sagte Janine recht kurz angebunden und das Strahlen aus ihrem Gesicht war verschwunden.
Jessica schien es, als hätte sie lieber weiter über den morgigen Besuch geredet. Janine setzte sich auf ihr Bett und schaltete den Fernseher an. Dort lief gerade irgendeine Manga-Serie für Kinder im Grundschulalter. Janine summte verträumt die Anfangsmelodie mit und wiegte ihren Kopf im Takt der Musik hin und her. Die Lautstärke, in der diese Melodie aus dem Fernseher dröhnte, war allerdings mehr als unerträglich laut. Janine schien die Lautstärke allerdings nicht zu stören.
„Janine! Janine! Janiiiiine!“, rief Jessica ihrer Zimmergenossin zu, doch diese hörte sie nicht, was bei dem Lärm, der aus dem Fernseher kam, auch kein Wunder war.
Gefangen in ihrer ganz eigenen Welt, in die sie keinen Menschen außer sich selbst lässt, dachte sie dabei und wunderte sich, wie sie plötzlich auf so etwas kam.
Glücklicherweise war ja auch noch die robuste Nathalie da, die natürlich sofort wusste, was zu tun war. Energisch schritt sie in Richtung Steckdose und zog den Stecker für den Fernseher heraus.
„Was soll das?!“, protestierte Janine, wie aus einem Traum erwacht, denn sie wirkte plötzlich wieder ganz klar.
„Merkst du denn nicht, dass das viel zu laut ist? Ich bin hierhin gekommen, damit ich mich ein bisschen mit Jessy unterhalten kann. Kannst du das Fernsehgucken nicht bitte verschieben, bis ich weg bin oder wenigstens die Lautstärke niedriger drehen?“, sagte Nathalie in freundlichem, aber bestimmtem Ton.
Janines Gesicht bekam einen merkwürdigen Ausdruck, wie Jessica ihn gar nicht von ihr kannte. Janine war für sie immer nur Janine gewesen, ein Mädchen, das halt da war, mit dem man redete, das allerdings keinen bleibenden Eindruck hinterließ. Janine war still. Sie war schüchtern. Sie war freundlich zu Menschen, von denen sie glaubte, dass sie es verdienten. Aber jähzornig, hasserfüllt und boshaft? Das war Janine nicht! Zumindest war das Jessicas Meinung gewesen. Doch nun sprang Janine, immer noch mit diesem undefinierbaren Ausdruck, einer Mischung aus Wut, Hass und Hilflosigkeit, im Gesicht, von ihrem Bett auf.
„Du hast mir überhaupt nichts zu sagen! Wenn ich Fernsehen gucken will, dann mache ich das auch und nehme nicht auf irgendwelchen Besuch von Jessica Rücksicht, der sowieso bald wieder abhaut! Ich mache das, was ich will, klar?!“, funkelte sie Nathalie an.
Jessica zuckte zusammen. Was war denn nur auf einmal mit Janine los? „Irgendwelcher Besuch von Jessica, der bald wieder abhaut“, klang nicht gerade freundlich. Warum war sie so beleidigend geworden, so explodiert? Bei Nathalie war sie da jedenfalls an die Falsche geraten. Die war einer zwar der liebsten Menschen, die Jessica kannte, aber man durfte sie nicht grundlos anmeckern oder beleidigen. Denn dann ging Nathalie in die Luft wie eine Rakete. Ihr Temperament war mindestens genauso berühmt wie ihre CDs. So ging sie auch diesmal, zunächst scheinbar ruhig, auf Janine zu. Dabei wedelte sie mit dem Fernseherstecker, den sie immer noch in der Hand hielt, herum.
Wäre die Szene nicht so ernst gewesen, Jessica hätte gelacht. Nathalies Gang hatte fast etwas model-artiges, wie sie da auf Janine zuschritt, die sie immer noch wütend anblitzte.
„Okay, Janine, so heißt du doch oder?“, fragte sie und machte eine kurze Kunstpause. „Ich weiß nicht, was mit dir los ist, warum du mich auf einmal so anfeindest, aber ehrlich gesagt, es ist mir auch egal. Ich kenne dich nicht, und du kennst mich nicht. Also, warum um Gottes Willen wirst du dermaßen ausfallend?“, ihre Stimme wurde lauter, Jessica unruhig. „Ich habe dich freundlich um etwas gebeten, also sei nicht so eine Giftspritze, schließlich habe ich dir nichts getan. Aber ich rate dir eins…“, jetzt nahm Nathalies Stimme einen fast bedrohlichen klang an, „wenn du noch einmal grundlos so frech wirst, werde ich es auch mal, okay?!“
Jessica schaute von Nathalie zu Janine und wieder zurück. Was für ein Schauspiel! Nathalie wedelte jetzt dicht vor Janines Nase mit dem Stecker herum und schaute sie beharrlich an. Die beiden Mädchen waren sich eigentlich überhaupt nicht ähnlich. Nicht nur äußerlich. Nathalie war in etwa so groß wie Jessica, hatte kurze, blonde Haare mit dunkelbraunen Strähnen und ihre grünen Augen blitzten immer lustig. Janine war fast zwei Köpfe kleiner als Nathalie und wirkte mit ihren heute wieder lasch herunterhängenden rotblonden Haaren und den jetzt regelrecht trübe blauen Augen absolut unterlegen in diesem Machtkampf. Auch sonst kannte Jessica Nathalie mehr als fröhliches Energiebündel mit unerschütterlichem Temperament und Janine als stilles graues Mäuschen, das fast nie redete. Und jetzt standen sich diese Beiden gegenüber und starrten sich feindselig an, obwohl eigentlich keine von ihnen so recht wusste, warum die Andere so wütend geworden war.
„Spiel dich bloß nicht so auf!“, zischte Janine, die erkannt hatte, dass sie machtlos und im Unrecht war und rauschte wütend und aus dem Raum.
Nathalie ließ sich kraftlos auf Jessicas Bett fallen, als wäre sie ein Luftballon, in den man mit einer Stecknadel ein Loch gepiekst hatte und aus dem nun alle Luft entwich.
„Es… es tut mir Leid, Jessy. Das wollte ich nicht. Aber mein Temperament ist mal wieder mit mir durchgegangen. Da hat sich plötzlich so eine Wut in mir aufgebaut- ich weiß gar nicht wirklich, warum- und die musste einfach raus. Jetzt redet sie bestimmt kein Wort mehr mit dir, was?“, murmelte sie schuldbewusst.
„Ist schon okay“, beruhigte Jessica ihre Freundin. „Ich kenne ja dein überschäumendes Temperament. Vielleicht kann ich das Janine ja nachher erklären. Komisch war das Ganze trotzdem. Warum ist sie plötzlich so wütend geworden? Ich meine, bei dir bin ich das gewöhnt, aber Janine ist sonst ganz anders.“
„Ich weiß es auch nicht, Jessy. Aber ich hoffe, dass sie sich schnellstens beruhigt.“
„Ich auch“, lachte Jessica. „Das wäre sonst der Horror für mich!“
Nathalie warf einen Blick auf ihre Uhr.
„Oh nein, ich muss los, Jessy! Mein Besuch war wohl nicht sehr ergiebig, was?“
„Ach, Unsinn. Ich freue mich immer, dich zu sehen. Wir können ja noch mal telefonieren, wenn ich Janines Eltern kennen gelernt habe, dann kann ich dir vielleicht mehr über sie erzählen“, sagte Jessica und umarmte Nathalie zum Abschied. „Denn irgendetwas stimmt nicht mit ihr, da bin ich mir inzwischen sicher. Und vielleicht finde ich ihr Geheimnis heraus, wenn ich erst einmal ihre Eltern kenne.“
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