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10.Kapitel

Hier findet ihr die Diabetes-Geschichte!
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10.Kapitel

Beitragvon Caro » 23. Januar 2006 18:39

Rita Müller

„Aufstehen!“
Noch nie hatte Schwester Victorias Stimme so schrecklich geklungen. Jessica schlug mühsam die Augen auf und schloss sie gleich wieder. Grelles Sonnenlicht strömte herein und das war für Jessica nach dieser Nacht wirklich nicht auszuhalten. Es kam ihr vor, als habe sie gerade einmal eine halbe Stunde geschlafen.
„Morgenstunde hat Gold im Munde!“, trällerte Schwester Victoria.
„Blöder Spruch“, kam es dumpf aus dem Nebenbett.
Jessica, die sich inzwischen doch fürs Aufstehen entschlossen hatte, und aufrecht in ihrem Bett saß, schaute hinüber zu Janine. Die hatte sich die Decke über den Kopf gezogen und schien absolut nicht aufstehen zu wollen.
„Janine, nun steh schon auf“, forderte Schwester Victoria und versuchte lachend, Janine die Decke zu entreißen.
„Nein...“, brummelte Janine, hielt die Decke krampfhaft fest und drückte ihren Kopf ins Kissen.
„Dann eben nicht. Aber du bekommst dein Frühstück wahrscheinlich nicht ins Bett geliefert“, meinte Schwester Victoria unerschütterlich.
„Ich mag auch gar nichts essen“, entgegnete Janine trotzig.
„Wenn du meinst... Schade, wir haben gerade frische Brötchen bekommen, noch ganz warm. Aber wenn du nicht willst...“, lächelte Schwester Victoria, zwinkerte Jessica zu und ging dann an ihr Bett.
„So, Jessica, ich werde jetzt deinen Blutdruck und deinen Puls messen. Dazu musst du bitte einmal deinen Ärmel hochkrempeln“, erklärte Schwester Victoria.
Jessica krempelte den Ärmel ihres Schlafanzuges hoch, während sie aus den Augenwinkeln wahrnahm, dass Janine sich nun auch aufrichtete. Der Gedanke an die frischen Brötchen musste sie wohl schlagartig wach gemacht haben.
Nachdem Schwester Victoria Puls und Blutdruck gemessen hatte, verkündete sie in ihrer bekannt fröhlichen Art: „Alles in bester Ordnung. Puls 84 und Blutdruck 86:110. Dann könnt ihr jetzt in den Spritzraum gehen.“
Jessica, die fürchterlich fror, zog sich ihren lila Morgenmantel über und wollte sich auf den Weg zum Spritzraum machen, als ihr ein Blick auf Janine verriet, dass diese wohl nicht gewillt war, mitzukommen.
„Hey, was ist denn los?“, fragte Jessica Janine, die immer noch in ihrem Bett saß und keine Anstalten machte, aufzustehen.
„Ich hab keinen Bock.“
„Wie..?“
„Ich habe keine Lust!“
„Ja, das habe ich doch verstanden. Ich wollte wissen, worauf du keine Lust hast. Ich dachte, du seiest genauso scharf auf die frischen Brötchen wie ich“, grinste Jessica.
„Auf die Brötchen kommt’s mit doch nicht an! Ich will einfach nicht mehr jeden Morgen messen, ausrechnen wie viel ich spritzen muss, spritzen und dann erst essen! Ich will, dass es wieder so ist wie früher, als ich noch alles essen konnte wie und wann ich wollte. Ich will mich nicht immer selbst kontrollieren, ich will im Ernstfall nicht von anderen abhängig sein. Ich hasse das Gestarre anderer Leute, wenn ich in der Stadt in einem Restaurant oder so spritzen muss. Ich hasse die ganzen Menschen, die so tun als wollten sie nur mein bestes, aber die verstehen mich doch alle überhaupt nicht, keiner tut das! Soll ich dir was sagen? Ich hasse diese Krankheit! Jawohl, ich hasse sie mit allem was dazugehört. Und fast genauso sehr hasse ich mich! Ich komme einfach nicht damit klar, ich glaube, ich bin zu doof, das alles zu kapieren. Du bist da ganz anders, du rechnest in Null Komma nix aus, wie viel du spritzen musst und kommst mit allem super klar, aber ich habe wirklich Probleme damit. Manchmal, da will ich alles hinschmeißen und frage mich echt, wozu ich eigentlich noch hier bin...“, brach es plötzlich aus Janine heraus.
Jessica hatte die ganze Zeit entsetzt geschwiegen. Tausend Gedanken waren ihr durch den Kopf gerast... „Warum denkt sie so?“, „Wird es mir eines Tages auch so gehen? Oder noch schlimmer?“, „Was soll ich ihr sagen? Kann ich ihr helfen?“
Doch jetzt musste sie eingreifen. Was Janine sagte, machte ihr nicht nur Angst, es machte sie auch wütend.
„Weißt du eigentlich, was du da sagst?“, sie flüsterte fast. „So etwas solltest du nicht einmal denken. Okay, wir haben Diabetes. Es ist sicherlich keine schöne Krankheit und manchmal zweifelt man auch an sich selbst. Aber es gibt Millionen Menschen, die noch viel, viel schlimmer dran sind als wir. Ich weiß, dass es schwer wird. Aber ich habe eine Freundin, die auch Diabetes hat und sie kommt gut damit klar. Auch ihr geht es nicht immer perfekt, aber bei wem ist das schon dauernd so? Und du schaffst das auch. Nathalie, so heißt meine Freundin, ist auch nicht gerade die Leuchte in Mathe, aber das Berechnen ist für sie kein Problem. Auch sie hat mal schlechte Werte, aber weißt du was? Es kümmert sie einfach nicht! Sie sagt sich „Okay, der Wert ist schlecht. Aber dafür wird der nächste wieder topp, das ist dann schon fast ein Ausgleich.“ Vielleicht kann ich das nicht genauso wie sie, aber ich versuche es. Und du solltest es auch.“
Jessica war erschrocken über ihre eigenen Worte. Sie hatte Janine keine Vorwürfe machen wollen, sie wollte ihr nur helfen. Aber plötzlich hatte sie diese Wut in sich gespürt, die eigentlich gar nichts mit Janine zu tun hatte. Sie hatte eher etwas mit dem zu tun, was sie gesagt hatte, denn sie hatte Jessicas tiefste Ängste ausgesprochen. Jessica versuchte, sich dagegen zu wehren und war deswegen so zornig geworden. Und nun tat ihr alles schon wieder Leid.
„Ich ähm... das wollte ich so nicht...“, druckste sie herum.
„Schon okay“, antwortete Janine, „jetzt lass uns aber endlich die Brötchen verspeisen.“
Danach verloren sie kein Wort mehr darüber.

„Janine?“
Es war inzwischen Nachmittag und Jessica und Janine lagen, wie so oft, faul in ihren Betten herum, als plötzlich eine Jessica noch unbekannte Schwester das Zimmer betrat. Sie hatte unglaublich lange blonde Haare und riesengroße blaue Augen. Kurz gesagt: Sie sah aus wie eine lebende Barbiepuppe. Die Schwester schien auch noch recht jung zu sein. Jessica schätzte sie auf ungefähr zwanzig Jahre, wenn nicht jünger.
„Ja?“, meldete sich Janine.
„Du bist also seit gestern hier, Janine...“
„Nein.“
„Nicht? Oh, dann muss ich wohl falsche Informationen haben. Himmel, was ist hier nur los?!“
„Ich bin seit gestern hier“, mischte sich Jessica ein.
„Und du bist nicht Janine?“, fragte die Schwester verständnislos, so als müssten alle Leute, die am vorigen Tag eingeliefert worden waren, Janine heißen.
„Nein, ich bin Jessica“, erwiderte Jessica.
„Jessica... Oh, Jessica! Ja, dann muss ich wohl die Namen verwechselt haben... Jessica und Janine klingen ja wirklich ziemlich ähnlich. Jessica Kreiner, nehme ich an...“
Doch noch ehe Jessica erwidern konnte, dass dies Janines Nachname war, unterbrach die zerstreute Schwester sich selbst und meinte: „Nein, entschuldige, Kissing heißt du. Jessica Kissing, richtig?“
„Richtig“, bestätigte Jessica und konnte sich einen leicht genervten Ton nicht verkneifen.
Sie kam sich vor wie in einer Quizshow mit dem Namen „Wer wird neuer Patient?“
„Also, okay, Jessica, dann komm jetzt bitte einmal mit. Du hast nämlich heute dein erstes Gespräch mit Frau... ähm, Müller!“
Jessica war es eigentlich egal, ob diese Frau nun Müller, Meier oder Bratwurst hieß, auf die Aussage von dieser Schwester konnte man sich wahrscheinlich eh nicht verlassen, ihr ging es mehr darum, wer das überhaupt sein sollte.
„Und wer ist diese Frau... Müller?“, erkundigte sie sich daher.
„Sie ist die Diabetesberaterin auf unserer Station“, erklärte die schusselige Frau, die sich, da sie nun näher gekommen war, als Anna-Sophia herausstellte, denn nun konnte Jessica ihr Namensschild lesen. Außerdem konnte sie erkennen, dass Anna-Sophia noch Schwesternschülerin war. Sie war also wirklich noch sehr jung, noch in der Ausbildung, keine richtige Schwester. Ob sie das wohl je schaffen würde? Wenn man nach ihrem Namensgedächtnis ging, sah Jessica schwarz. Anna-Sophia also... genau der falsche Name für diese Frau! Jessica fragte sich wirklich, ob diese sich ihren eigenen Namen merken konnte.
Immerhin wusste Jessica nun, wer mit „Frau Müller“ gemeint war: Rita, die Diabetesberaterin, von der auch Doktor Fuchs ihr schon erzählt hatte.
Anna-Sophia fügte nun, etwas verspätet, aber immerhin doch, hinzu: „Ich bin übrigens Anna-Sophia. Ganz frisch an diesem Krankenhaus, und noch Schwesternschülerin. Nennt mich am besten einfach nur Anna, das kann man sich leichter merken.“
Jessica hätte ihr auch aufs Wort geglaubt, wenn sie erklärt hätte, sie würde sich ihren Namen so auch leichter merken können
„Gut, dann folg mir doch jetzt bitte“, forderte Anna Jessica anschließend auf.
Jessica, die sich immer noch fragte, was ihr gleich bevorstehen würde, stand aus ihrem Bett auf und wandte sich kurz an Janine: „Wenn meine Eltern kommen, kannst du ihnen dann sagen, wo ich bin?“
Wie üblich war Janine im Beisein Anderer sehr still und nickte nur. Jessica lächelte ihr dankbar zu. Danach verließ sie mit Anna das Zimmer. Schweigend gingen die beiden den Korridor entlang, bis sie schließlich ins Treppenhaus kamen. Sie gingen eine Etage höher und durch eine große Tür. Jessica schaute sich interessiert um. Das schien eher eine normale Station zu sein, das sah man schon an der eintönigen weißen Farbe. Nur eine einzige Tür war türkis gestrichen, somit hob sie sich deutlich von den anderen ab. Und genau auf diese Tür steuerte Anna nun zu, Jessica trottete ihr brav hinterher.
„So, das hier ist das Beratungszimmer, hier findet man unsere Diabetesberaterin meistens“, erklärte Anna. Es war das erste Mal, dass sie redete, seit sie und Jessica das Zimmer verlassen hatten. Sie schien sich auch wieder einigermaßen gefasst zu haben.
„Und warum gehen wir denn nicht gleich rein, wenn sie da drin ist?“, erkundigte sich Jessica.
Anna lachte und zeigte dabei ihre absolut unglaublich weißen Zähne.
„Du musst mich wirklich für total bescheuert halten! Natürlich ist sie noch nicht in dem Zimmer, sonst wären wir sicher schon hereingegangen. Frau Müller, oder Rita, wie die meisten sagen, wird gleich erst kommen, sie ist momentan mit dem Chefarzt auf Visite. Wir haben nämlich vorgestern ein neun Monate altes Baby mit Diabetes auf unsere Station bekommen. Es ist ein Junge... Aber du wirst mir sicher glauben, wenn ich dir sage, dass ich mir den Namen einfach nicht merken kann!“
Jessica grinste.
„Nun ja, Rita zeigt der Mutter des Kleinen, wie sie damit umgehen und was sie beachten muss. Auch bei der Visite geht sie jedes Mal mit. Aber gleich müsste sie eigentlich da sein. Oh je, Jessica, dachtest du wirklich, wir stehen hier rum, während sie die ganze Zeit in dem Raum sitzt?!“
„Na ja, also...“, stammelte Jessica.
Es war ihr sehr peinlich, dass sie Anna für so schusselig gehalten hatte und sie spürte genau, wie sie rot anlief.
„Ach, ist schon gut, das muss dir nicht peinlich sein. Irgendwie kann ich das sogar verstehen. Ich glaube, ich mache auf die meisten Leute erst einmal einen ziemlich schlechten Eindruck, weil ich immer sämtliche Namen durcheinander werfe.“
Jessica zog es vor, dazu nichts zu sagen und lächelte stattdessen nur verlegen.
„Okay, okay, schon verstanden, mein Namengedächtnis ist echt miserabel. Aber ich kann mir dafür andere Dinge sehr gut merken, deinen Geburtstag vergesse ich zum Beispiel bestimmt nicht.“
Jessica dachte -innerlich lachend- daran, dass das ja wohl keine große Kunst war, denn sie hatte am 7.7. Geburtstag. Ihre Gedanken wurden jedoch plötzlich von Anna unterbrochen.
„Ah, da kommt sie ja!“
Jessica sah eine zierliche Frau mittleren Alters mit kurzen mausbraunen Haaren und einer Brille die Treppe hinaufkommen, die sie zuvor mit Anna hochgegangen war. Jessica dachte, dass diese Frau eine ältere Schwester von Schwester Victoria sein könnte, denn auch sie strahlte die ganze Zeit.
„Danke, Anna-Sophia“, nickte die Frau Jessicas Begleiterin kurz zu.
Diese hatte verstanden, lächelte noch einmal kurz ihr Zahnpasta-Lächeln und schwebte von dannen.
„Du bist also die Jessica. Herzlich Willkommen bei uns. Ich bin Rita Müller, die Diabetesberaterin hier. Du kannst aber gerne Rita zu mir sagen. Ich werde in den kommenden Tagen mit dir alle wichtigen Fragen rund um das Thema Diabetes klären.“
Während sie mit Jessica sprach, kramte sie aus ihrer Hosentasche einen Schlüssel hervor und schloss damit die türkisfarbene Tür auf. In dem Raum dahinter befanden sich viele Regale mit Aktenordnern und Broschüren, ein großer Tisch mit vielen Stühlen drum herum und allerlei komische Sachen, die so aussahen, als könnte man sie nur benutzen, wenn man wirklich Ahnung davon hatte. Jessica setzte sich auf einen Stuhl genau vor Kopf und Rita nahm auf der rechten Seite neben ihr Platz.
„Okay, du hast ja schon mit Doktor Fuchs gesprochen. Sicher hat er schon einige Dinge geklärt. Hast du ansonsten, jetzt gleich zu Anfang, noch irgendwelche Fragen?“, begann sie das Gespräch.
„Eigentlich nicht“, antwortete Jessica nach kurzem Nachdenken.
„Okay. Falls dir später noch etwas einfällt, kannst du gerne fragen.
Ich wollte heute erst einmal nur mit dir alleine sprechen, bei den kommenden Gesprächen wäre es mir allerdings lieber, wenn deine Eltern dabei wären. Die kommen dich ja sicher jeden Tag besuchen, oder?“
„Ja“, sagte Jessica heftig nickend und musste plötzlich wieder an Janines merkwürdige Reaktion denken, als sie ihre Eltern angesprochen hatte.
„Heute wollte ich mit dir eigentlich nur darüber reden, was genau es eigentlich bedeutet, Diabetikerin zu sein; mit welchen Vorurteilen du leben musst und wie du damit umzugehen hast.
Ach, eine Frage hätte ich noch: Weißt du überhaupt schon, was sich jetzt für dich ändert und was du beibehalten kannst?“
„Ja, also, ich habe eine Freundin, die auch Diabetikerin ist und die hat mir schon ziemlich viel erklärt und ich sehe ja auch immer an ihr, was sie so beachten muss...“, erklärte Jessica.
Ihr fiel auf, dass das, was sie sagte, eigentlich gar nicht stimmte. Bevor bei ihr Diabetes festgestellt wurde, hatte sie nie darauf geachtet, wie Nathalie so damit umging. Sie hatte sich damals vollkommen von dieser ihr noch fremden Krankheit distanziert. Sie hatte nicht anerkennen wollen, dass Nathalie in diesem speziellen Punkt anders war als ihre anderen Freundinnen. Zu dieser ihr jetzt unglaublich glücklich erscheinenden Zeit hatte Jessica gar nicht mit Diabetes in Berührung kommen wollen. Aber warum? Dass Diabetes nicht ansteckend war, hatte sie doch zumindest gewusst- oder nicht? Sie konnte sich gar nicht mehr erinnern, wie sie überhaupt von Nathalies Diabetes erfahren hatte. Aber Krankheiten jeglicher Art hatten ihr schon immer Angst gemacht und darum hatte sie immer darüber hinweg gesehen. In diesem Moment fragte sie sich zum ersten Mal, wie Nathalie sich wohl dabei gefühlt hatte, eine Freundin zu haben, die einen wichtigen Teil von ihr ignorierte. Denn das war der Diabetes schließlich. Was würde sie selbst denken, wenn Mary J. sie im Krankenhaus besuchen würde und sich nicht ein Stück für Jessicas Krankheit interessieren würde? Oder ihre anderen Freundinnen? Sie würde sich ausgeschlossen vorkommen. Aber durfte man jemanden wegen einer Krankheit, für die er nichts konnte, ausschließen? Plötzlich spürte Jessica, wie ungerecht sie gewesen war und hoffte inständig, dass Mary J. und die anderen in dieser Beziehung nicht so waren wie sie. Wenn sie Nathalie das nächste Mal sah, musste sie unbedingt mit ihr darüber reden. Auf einmal fühlte Jessica sich unglaublich schlecht.
„Ich... kann ich eben doch etwas fragen?“, brachte sie leise hervor.
„Natürlich“, lächelte Rita ihr aufmunternd zu.
„Ich habe ja diese Freundin, die auch Diabetes hat. Und... ich glaube, ich habe sie ziemlich verletzt!“
„Warum denn das?“, fragte Rita überrascht.
„Ich habe gerade gesagt, dass ich an ihr gesehen hätte, wie das Leben mit dem Diabetes so ist. Aber eigentlich stimmt das gar nicht. Ich habe ihren Diabetes immer ignoriert, sie nicht einmal darauf angesprochen oder sie gefragt, wie sie sich damit fühlt. Ich habe mir nie etwas dabei gedacht, weil ich die Krankheit nicht so ernst genommen habe und auch gar nichts damit zu tun haben wollte. Aber jetzt, wo ich selbst Diabetes habe... Ich würde es schrecklich finden, wenn man das ignorieren würde!“
„Das kann ich gut verstehen. Deiner Freundin geht es bestimmt auch nicht anders. Wir haben öfter Jugendliche hier, die Angst vor den Reaktionen ihrer Freunde haben. Einige denken, ihre Freunde lassen sie jetzt im Stich, weil sie nicht mehr so sind wie sie selbst. Aber das ist völliger Quatsch. Freunde, die einen wegen des Diabetes verurteilen, sind keine richtigen Freunde.“
„Aber... dann... ich habe mich doch auch so verhalten!“, protestierte Jessica, die immer noch an Nathalie denken musste.
„Nein, hast du nicht. So wie du mir das geschildert hast, hast du nie mit ihr darüber geredet, aber hast du sie vernachlässigt, nachdem du von ihrem Diabetes erfahren hast?“
„Nein, eigentlich nicht.“
„Siehst du. Das ist der Unterschied: Einige wollen den Diabetes an ihren Freunden zwar irgendwie nicht wahrhaben, aber sie würden deswegen nie eine Freundschaft aufgeben. Andere aber denken „Ach, der hat jetzt Diabetes und ist ein ganz anderer Mensch, mit dem ich nichts mehr zu tun haben will!“- das ist der Unterschied. Ich persönlich finde es absolut unsinnig, jemanden wegen des Diabetes auszuschließen. Du veränderst dich ja jetzt nicht grundlegend, oder?“
Jessica zögerte.
„Aber ich muss doch jetzt viel verantwortungsvoller und disziplinierter werden, oder nicht?“, meinte sie dann.
„Natürlich, das ist richtig. Ich meinte aber eher, dass du jetzt nicht plötzlich aggressiv oder unfreundlich wirst. Wenn du dich veränderst, dann positiv. Verantwortungsbewusstsein ist schließlich sehr wichtig, nicht nur für Diabetiker. Deine Eigenschaften werden sich jedoch keinesfalls negativ verändern. Aber das dürfte dir ja eh klar gewesen sein, oder?“, lächelte die Diabetesberaterin. „Ich finde es nur schade, dass Diabetes in der Gesellschaft so schlecht angesehen ist. Es gibt einige Arbeitgeber, die keine Leute mit Diabetes einstellen, obwohl diese im Prinzip keinerlei Nachteile gegenüber Nicht-Diabetikern haben. Diabetes ist schon fast zu einer Art Tabu-Thema geworden. Wenn du jetzt nicht diese Freundin gehabt hättest und jemand dich gefragt hätte, „Was ist Diabetes?“, hättest du die Antwort gekannt?“
„Ich glaube nicht“, musste Jessica eingestehen.
„Du wirst dich daran gewöhnen müssen, dass es allerhand Vorurteile gibt. Ein typisches Beispiel: „Darfst du jetzt nie wieder Schokolade essen?“ Ich weiß nicht, warum, aber das ist eine der häufigsten Fragen, die Diabetikern gestellt werden. Die Leute, die solche Fragen stellen, haben ein komplett falsches Bild von dieser Krankheit. Natürlich darf man weiterhin Schokolade essen, nur dass Diabetiker dafür eben spritzen müssen. Das mit der Schokolade, ich weiß nicht, warum es ausgerechnet Schokolade ist nach der gefragt wird, ist wirklich eine kennzeichnende Frage von Unwissenden. Auch sehr beliebt ist: „Ach, meine Oma hat auch Diabetes!“ Die meisten wissen gar nicht, dass es zwei Sorten von Diabetes gibt. Der Altersdiabetes Typ 2 und eben Typ 1, den du hast. Aber alle Diabetiker werden immer in einen Topf geworfen. Leider denken auch viele, Diabetiker wären immer übergewichtig oder würden ständig Süßigkeiten essen. Das mag vielleicht auf Typ 2-Diabetiker zutreffen, aber keineswegs auf Typ 1-Diabetiker. Du bist das beste Beispiel, dass man NICHT übergewichtig sein muss, um Diabetes zu bekommen... Da fällt mir ein, ich brauche noch Gewicht und Größe von dir. Weißt du das auswendig?“
„Ja, vor einer Woche habe ich mich gemessen. Das waren 1,75 Meter“, antwortete Jessica.
„1,75 Meter? Hui, wie alt bist du noch mal?“
„Dreizehn- seit Sonntag.“
„Oh, na dann: Herzlichen Glückwunsch nachträglich!“
„Danke.“
„Mit dreizehn Jahren 1,75 Meter... das ist schon viel. Wurde bei dir einmal ausgemessen, wie groß du später wirst?“
„Ja, so 1,77 Meter sollte ich werden.“
„Na, dann musst du aber bald aufhören zu wachsen“, lächelte Rita.
„Ich hoffe es! Ach ja, und ich wiege 53 Kilo.“
„Das ist bei der Größe aber ziemlich wenig. Wahrscheinlich hast du durch den Diabetes ein ganzes Stück abgenommen“, vermutete Rita Müller.
„Ja, ein paar Kilo.“
„Okay, ich habe mir das notiert. Aber entschuldige, wir sind dadurch ein bisschen vom Thema abgekommen... Wo waren wir stehen geblieben?“
„Bei den Sätzen, die ich in Zukunft zu hören bekommen werde“, erinnerte sich Jessica.
Sie fragte sich, ob Nathalie wohl auch solche Dinge zu hören bekam. Sie tat ihr zunehmend mehr Leid.
„Ach ja, richtig. Wenn du so etwas zu hören bekommst wie „Darfst du jetzt nie wieder Schokolade essen?“, musst du das auf jeden Fall richtig stellen. Das falsche Bild, was viele von Typ 1-Diabetes haben, wird größtenteils durch die Medien verursacht, die sich mehr mit Typ 2 beschäftigen. Aber wenn alle Typ 1-Diabetiker immer und immer wieder erklären, was richtig ist, wissen hoffentlich bald die meisten besser Bescheid. Viele Krankenhäuser haben schon ans Fernsehen geschrieben und um eine Art Aufklärungssendung speziell über Typ 1-Diabetes gebeten. Ich hoffe wirklich, dass das bald geschieht. Es ist absolut erschreckend, dass einige sogar denken, Diabetes sei ansteckend!“
Jessica bekam große Augen. Sie würde allen in ihrem Umfeld alles über Diabetes erzählen, was sie wusste. Auf keinen Fall wollte sie Außenseiterin wegen ihrer Krankheit werden.
„Oh je, schon so spät?“, rief Rita nach einem kurzen Blick auf die Uhr. „Entschuldige, ich habe die Zeit komplett vergessen. Ich habe jetzt noch einen anderen Termin und muss sofort los. Wir müssen unser Gespräch für heute also leider beenden. Wenn deine Eltern morgen von drei bis vier Uhr auch kommen könnten, wäre das ganz toll. Ich hoffe, sie können es einrichten.“
„Ich denke schon“, antwortete Jessica und stand auf.
„Okay, dann war’s das für heute. Wir sehen uns morgen um drei Uhr“, entließ Rita sie und gab ihr die Hand.
„Bis morgen und danke“, verabschiedete auch Jessica sich.
Rita ging ein Stockwerk nach oben, Jessica machte sich wieder auf den Weg nach unten. Das Gespräch war ihr sehr kurz vorgekommen und dennoch hatte sie schon einiges gelernt. Da hörte sie plötzlich von irgendwo Musik:
“And if you're cold I'll keep you warm
And if you're low just hold on
Cause I will be your safety
Oh… don't leave home...”
Das war ja schon wieder das Lied, das sie bei ihrer Anreise gehört hatte! Sie fühlte sich auf einmal unglaublich frei und leicht. Das Lied, das sie am Vortag noch so traurig gestimmt hatte, löste bei ihr nun plötzlich etwas Positives aus, ein Gefühl, das sie gar nicht recht beschreiben konnte. Es kam ihr vor, als wäre alles wunderbar und einfach und als gäbe es keine Probleme in ihrem Leben. Und für einen kurzen Moment vergaß sie, dass sie sich im Krankenhaus befand und tanzte glücklich die Treppe hinunter.

Als sie die Tür zur Kinderstation öffnete, wusste sie zuerst nicht, wo sie hinmusste. Doch dann sah sie den Hasen neben einer Tür und ging wieder hinein.
„Na, wie war’s?“, begrüße sie Janine.
„Ganz gut. Wir haben über Diabetes geredet“, antwortete Jessica, die im selben Moment merkte, wie bescheuert ihre Antwort war und laut lachen musste. „Ich meine, wir haben darüber geredet, welche Probleme Jugendliche mit dem Diabetes haben und wie meine Freunde so damit umgehen werden.“
„Ach so.“
„Wie war das denn bei dir?“
„Ach... normal halt.“
Bevor Jessica fragen konnte, was „normal“ hieß, klingelte das Telefon.
„Für dich“, sagte Janine, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, und Jessica wunderte sich, woran Janine das gehört haben mochte.
Eigentlich klangen die Telefone genau gleich, das wusste Jessica, seit sie einmal ihre Cousine Linda im Krankenhaus besucht hatte. Bei ihr und ihrer Zimmergenossin hatten die Telefone gar nicht stillgestanden und sie hatten einfach immer beide abgenommen, mit dem Ergebnis, dass immer eine von ihnen feststellen musste, dass es nicht ihr Telefon gewesen war. Also, woher hatte Janine das so schnell gewusst? War sie so erfahren, hatte ein absolutes Gehör... oder rief bei ihr einfach nie jemand an?
Jessica eilte zum Telefon und meldete sich: „Jessica Kissing?“
„Jessy! Hi! Wie geht es dir? Ich bin’s, Emily!“
„Hallo. Es geht mir eigentlich ganz gut. Die Leute hier sind nett und mein erstes Mal Spritzen und Messen und so habe ich auch schon hinter mir. Ich kann ich dir aber schlecht am Telefon erklären, wie das alles so geht. Du kannst mich ja mal besuchen kommen“, meinte Jessica grinsend.
„Klar, mach ich. Das habe ich dir ja schon per SMS angedroht. Wenn es dir passt, komme ich am Freitag zusammen mit Verena.“
„Sicher passt mir das! So gegen drei Uhr?“
„Ja, okay. Sag mal... darfst du jetzt eigentlich nie wieder Schokolade essen?“
Jessica brach in lautes Gelächter aus. Dann holte sie tief Luft und sagte: „Das erklär ich dir alles am Freitag, ja?“
„In Ordnung“, meinte Emily, anscheinend etwas verwirrt über Jessicas Gelächter.
Die beiden verabschiedeten sich, Jessica legte auf und legte sich wieder aufs Bett. Was für ein Tag!
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