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9. Kapitel

Hier findet ihr die Diabetes-Geschichte!
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9. Kapitel

Beitragvon Caro » 23. Januar 2006 18:03

Die erste Nacht

Nachdem Jessica von ihrem Gespräch mit Doktor Fuchs wiedergekommen war, fühlte sich schon viel besser. Der Arzt hatte ihr wirklich Mut gemacht, auf die Art, wie er sich mit ihr unterhalten hatte.
Am späten Nachmittag waren dann Jessicas Eltern wieder da gewesen und hatten sich von ihrer stolzen Tochter den Pen zeigen lassen, mit dem sie schon gespritzt hatte. Außerdem hatten die beiden auch noch mit Doktor Fuchs gesprochen, der ihnen berichtete, er habe einen sehr guten Eindruck von Jessica. Das Ganze, sagte er, würde sicherlich kein Problem werden, schließlich sei Jessica ein sehr verantwortungsbewusstes Mädchen und werde von sehr guten Pflegern, Schwestern und Ärzten betreut. Das erfüllte Jessica natürlich erneut mit Stolz.
Jessicas Eltern hatten ihr außerdem einiges ins Krankenhaus mitgebracht: Fanta und Cola light, Diät-Schokolade, die sie aus der Apotheke bekommen hatten, Diät-Kekse und zahlreiche andere Diät-Sachen, die sie Pfleger Jens vorführten, der sie für gut befand und meinte, Jessica dürfe ein bisschen davon essen, solange sie es nicht übertrieb.
Janine hatte nicht viel geredet, während Jessicas Eltern da gewesen waren. Sie hatte nur weiter die Kindersendungen geguckt, wie sie es schon den ganzen Tag tat. Jessica wunderte sich wirklich über Janines Verhalten. Sie wirkte auf sie so viel jünger, als sie es in Wirklichkeit war. Außerdem schien Janine fremden Leuten gegenüber sehr verschlossen zu sein. Die einzige Ausnahme, und das bemerkte Jessica sehr schnell, war sie selbst. Aus irgendeinem Grund schien Janine sie zu mögen und ihr zu vertrauen. Vielleicht war es die gemeinsame Krankheit, oder auch einfach nur Jessica- die "neue" Jessica. Eigentlich war sie ein sehr verwöhntes Mädchen, das keinen Finger rührte, wenn es nicht unbedingt sein musste. Doch hier im Krankenhaus war das anders. Jessica hatte ja gleich begriffen, dass sie sich ändern musste. Und das nicht nur Erwachsenen gegenüber, sondern insgesamt. So hatte sie sich vorgenommen, ein zuvorkommendes Mädchen zu sein, immer guter Dinge, und Janine zu helfen wann immer sie konnte-wenn diese denn mal mit ihr redete. Denn bisher hatte Jessica noch keine richtige Gelegenheit gehabt, nett zu Janine zu sein. Sobald andere Leute, ob Pfleger, Ärzte, oder eben Jessicas Eltern, den Raum betraten, schien Janine zu verstummen. Dennoch glaubte Jessica, dass Janine merkte, dass sie freundlich zu ihr sein wollte und daher ihr gegenüber etwas aufgeschlossener war.

Am Abend, ihre Eltern waren gerade gegangen, ging es wieder zum Messen, Ausrechnen und Spritzen mit Pfleger Jens. Jessicas Wert, so sagte er, sei auch schon viel besser geworden. 167 mg/dl hatte sie, was laut Pfleger Jens fast normal war. Ihr Abendessen rechneten die beiden Mädchen dann auch wieder zusammen aus. Es gab frisches Brot mit Salami und Käse, dazu einen Nudelsalat und als Nachtisch Joghurt mit Obst. Jessica erfuhr, dass ein Brötchen zwei KE hat und eine normal große Scheibe Brot auch, wobei es immer auf die Sorte des Brotes ankam. Der Nudelsalat hatte zwei KE gehabt und der Joghurt Eins Komma fünf KE.
„Also, wie viel sind das insgesamt?“, fragte Pfleger Jens.
„Fünf Komma fünf KE“, antwortete Jessica sofort.
„Gut. Und wie viel musst du dafür spritzen, wenn wir das Verhältnis 1:1 auch für das Abendessen beibehalten?“, hakte Pfleger Jens weiter nach.
„Na, Fünf Komma fünf Einheiten natürlich“, lachte Jessica.
Sie war froh, dass ihr Verhältnis so einfach war. Später, hatte man ihr erklärt, könnte das Ganze schwieriger werden, zum Beispiel 1,75:1 oder 1,8:1. Aber noch war es ja nicht so weit und das war auch gut so.
„Ist ja nicht so schwer, oder?“, grinste auch Pfleger Jens, „Und das Runterspritzen müssten wir- normalerweise- auch noch berücksichtigen. Nur jetzt ist das anders, weil es Abend ist und du da als Ziel 150 mg/dl, und nicht wie sonst 100 mg/dl hast. Da sind 167 mg/dl schon ganz gut. Du musst also nicht runter spritzen. Verstanden?“
„Ja, eigentlich schon. Aber warum habe ich jetzt als Ziel 150 mg/dl?“, antwortete Jessica.
„Das liegt daran, dass du vor dem Schlafengehen einen höheren Blutzucker haben musst, als normalerweise. Dadurch wird gewährleistet, dass du im Schlaf nicht unterzuckerst. Es sei denn, du spritzt zu viel Lantus, aber dazu kommen wir nachher noch. Alles klar?"
„Alles klar."
„Gut. Dann kannst du ja jetzt spritzen.“
Jessica nahm den Pen zur Hand, spritze eine Einheit heraus, zog dann Vier Komma fünf Einheiten auf, kniff sich eine Falte in den Bauch und wollte gerade spritzen, als Pfleger Jens rief: „Halt! Noch nicht spritzen!“
Erschrocken zuckte Jessica zusammen. Hatte sie etwas falsch gemacht? Sie war sich doch so sicher gewesen, dass alles richtig war, was sie tat!
„Was…?“, stotterte sie.
Pfleger Jens, der ihre Unsicherheit sah, musste lachen.
„Keine Angst, Jessica, du hast alles richtig gemacht. Ich wollte nur nicht, dass du in den Bauch spritzt. Ich hatte gedacht, wir versuchen jetzt mal, in den Arm zu spritzen, in Ordnung?“
Erleichtert atmete Jessica auf.
„Ja natürlich, klar“, nickte sie eifrig.
„Gut, dann werde ich dir jetzt mal erklären, wie das geht. Du musst dich erst einmal hinsetzen, am besten gleich hier auf den Stuhl“, Pfleger Jens rückte einen Stuhl heran, „dann winkelst du ein Bein an und legst deinen Oberarm auf das Knie des angewinkelten Beines.“
Jessica winkelte ihr Bein in der Luft an und wollte den Arm drauflegen, als Pfleger Jens in schallendes Gelächter ausbrach.
„Aber nein! Du musst dein Bein schon aufstellen, sonst klappt das Spritzen sicher nicht“, lachte er lauthals.
Jessica lief rot an- wie peinlich! Da hätte sie nun aber auch wirklich selbst drauf kommen können. Sie stellte also das angewinkelte Bein neben sich auf dem Stuhl ab, legte ihren Oberarm darauf, sodass eine Falte entstand und nahm erneut den Pen zur Hand. Sie stach mit der Spitze langsam in ihren Arm und… zuckte zusammen! Das tat ja vielleicht weh!
„Jessica, pass auf, wenn du wackelst, wackelt der Pen automatisch mit und dann geht die Spitze quer in deinen Arm!“, warnte Pfleger Jens.
Jessica biss also die Zähne zusammen, drückte auf den Pen und wartete zwanzig Sekunden lang. Dann zog sie den Pen wieder heraus und rieb sich den Arm.
„Ist irgendwas, Jessica?“, fragte Pfleger Jens besorgt.
„Nein… na ja, mein Arm tut weh, vom Spritzen.“
„Hm, dann scheint der Arm wohl nicht die beste Spritzstelle für dich zu sein“, stellte Pfleger Jens fest.
„Scheint so…“, murmelte Jessica mit gequältem Gesichtsausdruck.
„Okay, dann probieren wir das später noch am Oberschenkel und dann kannst du immer noch entscheiden, was dir am liebsten ist. Allerdings solltest du die Spritzstellen immer wechseln.“
„In Ordnung.“
Jessica rieb sich immer noch den Arm.
„Ich gehe dann mal wieder. In einer Viertelstunde kannst du essen. Guten Appetit!“
„Danke“, nuschelte Jessica.


Nachdem Jessica ihr Abendessen zu sich genommen hatte, es war sehr lecker gewesen, legte sie sich erst einmal aufs Bett. Janine schaute schon wieder eine Kindersendung, diesmal „Chip und Chap“. Jessica dagegen war nicht gerade scharf darauf, zu sehen, wie zwei Eichhörnchen sich gegen irgendwelche Schurken behaupteten, daher spielte sie lieber mit ihrem Gameboy, den sie zum Geburtstag bekommen hatte.
Doch sehr lange beschäftigte sie sich damit nicht, denn schon bald kam Pfleger Jens wieder herein und verkündete, die beiden müssten nun ihr Basalinsulin spritzen. Jessica guckte Janine fragend an, aber Pfleger Jens wandte sich schon an sie und erklärte: „Das Basalinsulin ist ein Insulin, das den ganzen Tag über wirkt. Es sorgt dafür, dass du, auch wenn du mal kein anderes Insulin spritzt, mit den Werten im Normalbereich bleibst.“
„Ach so. Und wie heißt das?“, fragte Jessica.
„Lantus.“
Ach, das war das, wovon Pfleger Jens vorhin gesprochen hatte. Lantus- so hieß es also, ihr Basalinsulin. Der Name prägte sich sofort in ihrem Gedächtnis ein, im Gegensatz zu ihrem Normalinsulin. Den Namen hatte Jessica schon wieder vergessen.
Janine und Jessica gingen wieder gemeinsam mit Pfleger Jens in den Raum, der so sehr nach Krankenhaus aussah. Dort reichte Pfleger Jens Jessica einen weiteren Pen, der allerdings nicht so harmlos aussah wie der andere. Dieser war weiß und sah für Jessicas Begriffe viel zu medizinisch aus.
„Wir probieren bei dir erst einmal, 16 Einheiten zu spritzen, Jessica. Das ist vielleicht zu viel, aber wir kontrollieren deinen Wert ja auch nachts, also kann nichts passieren“, erklärte Pfleger Jens.
„Okay“, sagte Jessica.
„Dieser Pen hier ist ein Einmal-Pen, wenn in ihm kein Insulin mehr ist, musst du einen neuen nehmen. Außerdem kannst du bei diesem Pen immer nur Zweierschritte einstellen, das heißt du kannst zwei, vier, sechs, acht… und so weiter Einheiten spritzen, aber nie eine Einheit, oder drei. Verstanden?“
„Verstanden. Aber wie viele Einheiten muss ich vorher herausspritzen?“
„Zwei, da das die kleinste Einheit ist, die du aufziehen kannst.“
Jessica öffnete ihre Hose und zog sie ein Stückchen herunter, sodass sie gerade an ihren Oberschenkel kam. Sie spritzte zwei Einheiten Lantus heraus und zog dann sechzehn Einheiten auf. Dann ging es wie üblich weiter: Sie kniff sich eine Falte in den Oberschenkel, stach vorsichtig mit der Spitze hinein, spritzte, wartete zwanzig Sekunden, zog dann den Pen wieder heraus und guckte Pfleger Jens erwartungsvoll an.
„Gut. Das war wirklich sehr gut. Du bist du geborene Diabetikerin“, scherzte dieser.
Jessica warf einen kurzen Blick neben sich auf Janine, die anscheinend auch schon gespritzt hatte. Bei ihr ging das immer so schnell! Es schien wirklich absolute Routine für sie zu sein.
Ob das für Jessica wohl jemals genauso sein würde?

Nun lag Jessica in ihrem Bett und es war stockfinster. Neben ihr hörte sie laut Stimmen rufen. Nein, es waren nicht etwa fremde Leute in ihrem Krankenzimmer, das war die CD, die Janine hörte. Und diese CD war nicht etwa eine Musik-CD von Janines Lieblingsband, sondern ein Bibi Blocksberg-Hörspiel! Bibi… Die kannte Jessica noch aus ihrer Kinderzeit. Sie hatte auch die Fernsehserie immer gerne angeschaut und die Kassetten geliebt- bis sie neun Jahre alt gewesen war! Aber jetzt doch nicht mehr! Jessica wunderte sich wirklich immer mehr über Janine. Sie war so ganz anders als Jessicas Freundinnen. Neben Janine kam Jessica sich immer schon so reif vor, obwohl Janine, wie Jessica herausgefunden hatte, drei Monate älter war als sie selbst. Warum hörte Janine Kinderhörspiele und warum schaute sie sich Kindersendungen an? Und, vor allem, warum sprach sie nie über ihre Familie? Irgendwas stimmte nicht mit Janine, da war sich Jessica schon nach den paar Stunden, die sie sich nun kannten, sicher.
Aber Jessica machte sich nicht nur über Janine Gedanken. Ihr selbst ging es nämlich gar nicht gut. Während neben ihr Bibi Blocksberg und ihre Freunde versuchten, eine Katastrophe zu verhindern, zitterte Jessica am ganzen Körper. Sie konnte nicht einschlafen. Das Zittern wollte nicht aufhören.
„Schlaf ein!“, befahl Jessica sich, aber das half natürlich erst recht nichts.
Irgendwann beschloss sie, auch eine CD zu hören. Sie hatte nur eine einzige mit, die von einem ihrer Lieblings-Jugendbücher handelte. Worum es darum ging, war ja klar: Liebe, Herzschmerz und Freundschaft. Eigentlich hörte Jessica sich solche CDs nie öfter als ein Mal an („Nach einem Mal hören weiß ich doch schon alles, Bücher lese ich doch auch nicht zwei Mal!“), aber diese CD war da eine Ausnahme. Jessica tastete vorsichtig nach ihrem CD-Player, der sich irgendwo auf ihrem Nachttisch befinden musste. Da- jetzt hatte sie ihn! Sie wollte ihn gerade zu sich aufs Bett ziehen, als sie sich irgendwie in seinem Kabel verhedderte und er mit lautem Gepolter zu Boden sauste.
„Oh nein!“, schrie es in Jessicas Kopf.
„Was ist los?“, hörte sie Janine wispern.
Die hatte extra ihre Bibi Blocksberg-CD gestoppt, die verdammt laut gewesen war.
„Meine Güte, dann muss ich ja echt viel Lärm gemacht haben“, dachte Jessica und sagte: „Ich hab meinen CD-Player runter geworfen!“
„Ach so“, kicherte Janine, „und ich dachte schon, du wärst aus dem Bett gefallen.“
Jessica musste lachen. Manchmal konnte Janine wirklich witzig sein. Sie krabbelte vorsichtig aus ihrem Bett und tastete am Boden nach dem CD-Player.
„Warte“, flüsterte Janine, „ich mach das Licht an!“
„Schon gut!“, stoppte Jessica sie schnell. „Ich hab ihn schon!“
Das soll ja wohl in keine größere Aktion ausarten!
„Na gut.“ Janine widmete sich wieder voll und ganz ihrem Hörspiel.
Und Jessica war die Lust aufs CD-Hören gründlich vergangen. Bis Mitternacht lag sie zitternd in ihrem Bett. Bibi war längst verstummt.

Um Punkt null Uhr stand die Nachtschwester vor der Tür. Sie versuchte wohl, möglichst leise zu sein, aber Jessica hörte sie natürlich trotzdem. Schließlich war sie die ganze Zeit wach gewesen.
„So…“, murmelte die Nachtschwester vor sich hin.
Jessica konnte sie nicht gut erkennen, aber weil durch die Tür, die einen Spalt geöffnet war, Licht hereinfiel, konnte sie zumindest erkennen, dass die Nachtschwester eine nicht gerade schlanke Frau mit kurzen Haaren war.
Die Schwester trat an Jessicas Bett und Jessica schaute sie an.
„Oh, du bist wach?!“
„Ähm… ja“, sagte Jessica.
Irgendwie war ihr das fast ein bisschen peinlich.
„Na, dann kann ich ja auch das Licht anmachen, denn so, wie die junge Dame da drüben schnarcht, weckt die nichts.“
Das stimmte allerdings. Janine schnarchte ziemlich laut und Jessica war sich nicht sicher, ob sie dabei hätte schlafen können, selbst, wenn es ihr nicht so schlecht gegangen wäre. Die Nachschwester knipste das Licht an und Jessica blinzelte. War das plötzlich hell! Doch nach ein paar Sekunden konnte sie wieder normal sehen und erkannte auf dem Schildchen an ihrem Kittel, dass es sich bei der Nachtschwester um Schwester Brigitte handelte.
„Hast du schon ein Messgerät bekommen?“
„Nein, noch nicht.“
„Na gut. Ich habe aber eines mit“, sagte Schwester Brigitte und holte ein Messgerät aus ihrem Kittel hervor.
Dann piekste sie Jessica kurz in den Finger (Jessica tat das gar nicht weh) wischte kurz den ersten kleinen Tropfen Blut an einem Tupfer ab, und drückte anschließend so lange darauf, bis eine anständige Menge Blut herauskam.
„Durchhalten“, sagte sich Jessica und schaute standhaft auf ihren Finger.
Schwester Brigitte hielt Jessicas Finger an den Teststreifen und auf dem Messgerät sah Jessica gerade noch die „5“ vom Countdown aufleuchten, da hatte Schwester Brigitte das Gerät schon wieder an sich genommen und hielt es so, dass nur sie den Wert erkennen konnte.
„76 mg/dl“, sagte sie dann, „Na ja, das geht ja noch. Schlaf gut!“
„Wie bitte?!“, dachte Jessica entsetzt.
Sie erinnerte sich daran, was Nathalie ihr über zu niedrige Werte erzählt hatte. Da war doch auch die Zahl 70 mg/dl vorgekommen… 76 mg/dl waren doch viel zu wenig! Und diese Schwester Brigitte ließ sie einfach wo weiter schlafen?! Beziehungsweise weiter herumliegen, denn schlafen würde Jessica jetzt sicher nicht, viel zu groß war ihre Angst. Janine, die immer noch tief und fest schlief, hatte anscheinend 107 mg/dl, zumindest glaubte Jessica, Schwester Brigitte diese Zahl vor sich hinmurmeln zu hören. Anschließend verließ diese das Zimmer und Jessica bleib weiterhin wach.
„Von wegen, Janine wacht immer auf, wenn die Nachtschwester reinkommt", dachte sie vorwurfsvoll.
Sie spürte immer noch ein Zittern, doch plötzlich, Jessica konnte nicht sagen, wie spät es zu der Zeit war, sie hatte jegliches Gefühl dafür verloren, spürte sie noch etwas anderes. Da war nicht nur das Zittern, es war auch eine Art Schwindel dabei, der aber ganz anders war, als Jessica ihn sonst kannte. Und das Zittern war plötzlich auch ganz anders: Es war ein merkwürdiges, inneres Zittern dabei. Jessica könnte es, und das wusste sie sofort, niemandem beschreiben. Das musste wohl das Gefühl einer Unterzuckerung sein, so hatte Nathalie ihr das zumindest beschrieben.
„Ach, das ist ein echt komisches Gefühl. Manchmal zittert man ganz normal, aber des Öfteren kommt es vor, dass man anders zittert. Kein Diabetiker wird dir beschreiben können, wie sich dieses Zittern anfühlt. Aber ich werde es mal versuchen. Es ist ein innerliches Zittern, das sich so komisch anfühlt, wie eine Art Schwindel, aber auch so, als würde sich etwas in dir drehen…“, so hatte sie gesagt.
Jessica bekam langsam Panik. Was, wenn ihr Wert noch weiter abgesunken war?! Was, wenn sie gleich hier lag, so sehr unterzuckert, dass sie sich nicht mehr selbst helfen konnte? Was, wenn die Schwester sie hier um drei Uhr, bei der nächsten Kontrolle fand, und sie wieder beleben musste? Was, wenn…?
„Jessica?“
„Janine! Ein Glück! Ich glaub, ich bin zu niedrig. Ich zittere so komisch“, wisperte Jessica erleichtert in Richtung Nebenbett.
„Oh, das ist ja blöd… Und jetzt?“
„Keine Ahnung. Irgendwie hab ich Angst.“
„Soll ich die Schwester holen?“
„Ach quatsch, lass mal. Das wird schon.“
Jessica wollte sich auf keinen Fall die Blöße geben. In dem Moment verstand sie noch nicht, dass sie ab jetzt auf die Hilfe Anderer angewiesen war.
„Ganz sicher nicht?“, flüsterte Janine.
„Ganz sicher nicht.“
„Na gut“, gähnte Janine, „dann schlaf noch ein bisschen. Bis morgen. Oder bis um drei. Dann…“
„Janine? Hey, Janine!“
Janine war wieder eingeschlafen. Und Jessicas Panik setzte wieder ein. Hätte sie sich nicht lieber doch von Janine helfen lassen sollen? Aber im Notfall konnte doch auch sie Schwester Brigitte holen! Oder? War man bei einer schweren Unterzuckerung noch in der Lage, zu gehen? Sich klar auszudrücken? Wie spät es wohl war?

Drei Uhr. Jessica zitterte am ganzen Körper. Ihr war schwindelig. Sie spürte, dass sie kreidebleich war. Es ging ihr so schlecht wie selten. Aber Rettung nahte und zwar in Form von Schwester Brigitte.
„Jessica?“
„Ja?“, hauchte Jessica erwartungsvoll.
„Hast du etwa immer noch nicht geschlafen?!“
„Nein…“
„Ach, Jessica, ich weiß ja, das ist deine erste Nacht hier, aber du brauchst doch deinen Schlaf. Morgen sieben ist die Nacht zu Ende!“
„Ja, ich weiß.“
„Na gut, dann testen wir jetzt noch einmal und danach schläfst du, versprochen?“
„Versprochen.“
Schwester Brigitte holte das Messgerät hervor, und dann ging alles ganz schnell. Jessica erinnerte sich später nur noch daran, dass Schwester Brigitte erschrocken auf das Messgerät starrte und murmelte: „Oh je, 48 mg/dl. Das ist ja viel zu niedrig! Schnell, Jessica, was willst du trinken? Apfel- oder Orangensaft?“
Was für eine Frage! Jessica nahm natürlich ihren geliebten Orangensaft. Schwester Brigitte eilte aus dem Zimmer und kam kurz darauf mit einem Glas Orangensaft zurück.
„Hier, trink das“, befahl sie.
Jessica trank und- es schmeckte abscheulich! Das war ja kein Orangensaft mehr, das war purer Zucker mit einem winzigen Tropfen Orangengeschmack! Aber Jessica wusste, wenn sie nicht trank, würde alles noch viel schlimmer werden und das wollte sie auf keinen Fall. Also trank sie da Glas ganz aus. Den Geschmack würde sie ihr ganzes Leben nicht mehr vergessen.
„Gut. Jetzt müsste dein Wert bald hochgehen und dann kannst du schlafen“, sagte Schwester Brigitte.
Jessica nickte und versuchte, sich wieder zu beruhigen.
Schwester Brigitte erklärte ihr noch kurz beruhigend: „Nach ungefähr zehn Minuten setzt die Wirkung ein, dann ist alles wieder ganz normal. Und morgen spritzt du dann weniger, dann kommt das nicht noch einmal vor. Und falls doch, sagst du mir eher Bescheid, in Ordnung?"
„Ja“, wisperte Jessica.
Und tatsächlich- nach zehn Minuten ging es ihr schon wieder besser, das komische Zittern war verschwunden und nach weiteren fünf Minuten war sie endlich eingeschlafen.
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