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8.Kapitel

Hier findet ihr die Diabetes-Geschichte!
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8.Kapitel

Beitragvon Caro » 23. Januar 2006 18:02

Doktor Fuchs


Nachdem Jessica ihr Mittagessen verspeist hatte, - es war, bis auf den Pudding, der hatte überhaupt nicht Diät-mäßig, sondern ganz toll geschmeckt, nicht gerade sehr gut gewesen- legte sie sich auf ihr Bett und las ein wenig. Hin und wieder schielte sie unauffällig zu Janine hinüber. Diese hatte, wie erwartet, kaum etwas gegessen. In ihrem Gemüse hatte sie nur kurz herumgestochert, von der Kartoffel hatte sie gerade einmal die Hälfte gegessen und der Apfel lag noch unberührt auf ihrem Teller. Jessica wunderte sich. Janine hatte doch für den Apfel und die Kartoffel Insulin gespritzt! Wenn sie die nicht aß, konnte das doch nicht gut sein, oder?
In dem Moment kam eine Schwester herein, die sich als Schwester Sonia vorstellte. Sie war sehr groß, hatte lange braune Haare und eine Brille. Im Gegensatz zu Schwester Victoria wirkte sie überhaupt nicht gehetzt, sondern sehr ruhig und ausgeglichen.
„Jessica?“, wandte sie sich an Jessica.
„Ja“, bestätigte diese.
„Herr Doktor Fuchs möchte dich sprechen, er ist der Oberarzt an der Kinderstation und kennt sich sehr gut mit Diabetes aus. Er wollte sich nur bei dir vorstellen und dich ein bisschen darauf vorbereiten, was dich in den nächsten Tagen bei uns so erwartet.“
„In Ordnung…“, sagte Jessica und schaute Schwester Sonia fragend an.
Wo war denn Doktor Fuchs nun zu finden? Sollte sie etwa das ganze Krankenhaus nach ihm absuchen?
„Folg mir einfach“, lächelte Schwester Sonia und Jessica war beruhigt.
Jessica folgte Schwester Sonia also den Gang entlang bis zum letzten Zimmer. Auf einem Schild neben der Tür stand:
Dr. Uwe Fuchs
Oberarzt
Jessica erinnerte sich, dass sie Doktor Fuchs ja bereits auf dem Flur kennen gelernt hatte. Er hatte eigentlich einen recht sympathischen Eindruck gemacht, sogar auf Jessica, die im Moment nicht gerade gut auf Ärzte zu sprechen war.
Schwester Sonia klopfte und auf ein „Herein!“ betraten die beiden den Raum. An einem Schreibtisch saß Doktor Fuchs. „Das ist Jessica Kissing, sie ist vor zwei Stunden auf unserer Station angekommen, wegen Diabetes. Es kommt bei ihr wahrscheinlich von den Windpocken, die sie vor einem Monat hatte, zumindest steht das im Bericht des Hausarztes. Alles Weitere kann Ihnen Jessica ja dann selbst erzählen“, berichtete Schwester Sonia, und auf ein kurzes Nicken des Arztes verschwand sie mit ihrem ausgeglichenen Lächeln aus dem Zimmer.
„Ach, hallo, Jessica, freut mich, dich wiederzusehen. Du bist noch eine ganz frische Diabetikerin, steht hier, und das hast du mir ja auch bereits erzählt. Ich hoffe, du hast dich schon etwas eingelebt“, begrüßte sie Doktor Fuchs und wollte anschließend wissen: „Was weißt du denn bis jetzt schon über Diabetes?“
„Ich hab eine Freundin, die auch Diabetikerin ist, die hat mir schon ein bisschen erklärt. Welche Werte zu hoch und welche zu niedrig sind und was bei Diabetes passiert, also, dass die Bauchspeicheldrüse nicht mehr funktioniert und so was alles“, antwortete Jessica, die „frische Diabetikerin“, ein bisschen verlegen.
„Na, das ist ja immer gut, wenn man eine Freundin hat, die die gleiche Krankheit hat wie man selbst. Hast du denn noch irgendwelche Fragen, die sie dir vielleicht nicht beantworten konnte oder Fragen zum Ablauf hier im Krankenhaus?“
„Also… ja, ich wollte wissen, wie lange ich hier bleiben muss.“
„Das ist unterschiedlich. Es kommt darauf an, wie gut du alles verstehst und wie du damit klarkommst. Aber acht bis elf Tage werden es auf jeden Fall sein. Ich habe aber bisher nur Gutes von dir gehört, Pfleger Jens meinte, du hättest das erste Spritzen super hinbekommen.“
„Ähm… ja, es war nicht so schlimm, wie ich dachte.“
„Ich habe aber auch gehört, du hast Blutangst?“
Blutangst… Das klang ja, als wäre das noch schlimmer als Diabetes. Bisher hatte Jessica immer nur davon gesprochen, dass sie „kein Blut sehen“ könne. Blutangst klang da irgendwie viel gefährlicher.
„Na ja… Ich kann eben kein Blut sehen. Ich finde das total ekelig und mir wird immer ganz schlecht davon.“
„Das ist natürlich nicht gut für eine Diabetikerin.“
„Ja, aber ich hoffe, dass das besser wird, wenn ich jeden Tag mit Blut zu tun habe.“
„Das denke ich schon. Und falls du weiterhin kein Blut sehen kannst, wie du sagst, kannst du dich gerne mit Schwester Sonia unterhalten, die hat nämlich mal auf einem Seminar gelernt, wie man Leuten ihre Angst vor Blut nimmt“, schlug Doktor Fuchs vor.
„Danke, das werde ich machen.“
„Schön… Hast du sonst noch Fragen?“
„Ja. Was wird denn jetzt hier in den nächsten Tagen gemacht?“
„Nun, zunächst wirst du einige Gespräche mit unserer Diabetesberaterin Rita haben, sie ist wirklich sehr nett und wird dir alles zu deiner Krankheit erklären. Sie hat außerdem einige Hefte und Bücher über Diabetes für dich, die kannst du dir durchlesen, wenn dir mal langweilig ist, was in einem Krankenhaus ja schnell passiert, nicht wahr?“
Jessica lachte unsicher, denn sie fühlte sich ertappt. Das war nämlich auch eine ihrer Befürchtungen gewesen: Dass es im Krankenhaus langweilig werden könnte. Ob diese Hefte, von denen Doktor Fuchs sprach, wohl die Hefte waren, von denen Nathalie ihr auch schon erzählt hatte?
„Außerdem“, fuhr Doktor Fuchs fort, „wird Pfleger Jens weiterhin mit dir das Spritzen üben und dir dazu ein bisschen erzählen. Du hast ja bisher nur in den Bauch gespritzt, aber es gibt auch alternative Spritzstellen, den Arm zum Beispiel oder auch den Oberschenkel. Genauso kannst du auch an verschiedenen Stellen den Blutzucker messen: Am Finger, das hast du ja schon gemacht, oder auch am Ohrläppchen, am Handballen oder am Unterarm. Was am besten für dich ist, findest du schon noch heraus. Pfleger Jens ist dir dabei gerne behilflich, aber auch unsere anderen Pfleger und Krankenschwestern kennen sich bestens mit Diabetes aus. Du erfährst viel über die Berechnung der KE, was du ja beim Mittagessen auch schon gemacht hast, und über das Spritzverhältnis. Außerdem gibt es verschiedene Insuline, einige wirken schneller, andere langsamer, auch darüber musst du natürlich Bescheid wissen. Wie du siehst, gibt es eine Menge zu lernen, darum wirst du auch über eine Woche hier bleiben „müssen“. Aber ich denke, dass das Ganze nicht so schlimm wird, denn du lernst ja etwas, was für den Rest deines Lebens nützlich sein wird, denn für Diabetes Typ 1 gibt es bisher noch kein Heilmittel.“
Kein Heilmittel- das klang auch so schlimm. Jessica wurde bewusst, dass der Arzt Recht hatte: Für den Rest ihres Lebens würde sie Diabetes haben, jeden Tag davon abhängig sein, dass sie die richtige Menge an Insulin spritze, immer darauf achten müssen, dass ihre Werte gut waren… Warum? Warum hatte das sie erwischt? Warum nicht irgendeinen anderen Menschen, der bisher noch gar keine Krankheiten gehabt hatte? Warum ausgerechnet sie, die besonders in letzter Zeit so oft mit Krankheiten zu tun hatte-zuletzt die Windpocken, aber auch schlimme Grippen und Keuchhusten; und die auch schon im Krankenhaus gelegen hatte, genau vor einem Jahr, wegen eines Beinbruchs? Warum? Diese Frage geisterte Jessica immer und immer wieder im Kopf herum. Sie hatte das doch gar nicht verdient! Was hatte sie schreckliches getan, dass sie so bestraft wurde? Sie hatte sich zwar fest vorgenommen, von nun an ihr Möglichstes zu tun, um mit der Krankheit umgehen zu können, aber trotzdem fragte ihr Innerstes immer noch nach dem Warum. Sie konnte es nicht begreifen.
„Ja“, krächzte sie schwach und versuchte zu lächeln.
„Ich sehe schon, dass du dir darüber sehr viele Gedanken machst, Jessica. Wahrscheinlich fragst du dich, warum gerade du Diabetes bekommen hast“, sagte Doktor Fuchs mitfühlend.
Konnte der etwa Gedanken lesen? Jessica schaute ihn mit großen Augen an.
Er lachte: „Keine Angst, ich bin kein Hellseher, nur bin ich schon ziemlich lange in diesem Beruf und hatte mit sehr vielen Kindern und Jugendlichen zu tun, die genauso wie du hier saßen und nicht wussten, wie es weitergehen sollte. Aber soll ich dir etwas sagen? Sie haben es alle geschafft, den Diabetes mittlerweile gut im Griff und die Erfahrung zeigt, dass gerade Mädchen sehr verantwortungsvoll mit dem Diabetes umgehen. Ich weiß zwar nicht, warum das so ist, aber die meisten Mädchen geben mehr Acht darauf, dass sie gute Werte haben, als Jungen. Natürlich gibt es immer Ausnahmen, aber ich denke, bei dir muss ich mir da keine Sorgen machen, oder?“
„Nein“, sagte Jessica mit einer viel sichereren Stimme, „bestimmt nicht.“
Das hatte sie sich schließlich fest vorgenommen.
Doktor Fuchs war wirklich nett und er verstand ihre Ängste so gut, als würde er selbst gerade all das durchmachen, was sie durchmachte. Aber wahrscheinlich ging es ihr vergleichsweise sogar noch gut. Was gab es für schlimme Krankheiten auf dieser Welt! Da war Diabetes fast harmlos, denn damit konnte man leben.
„Hast du noch weitere Fragen?“, erkundigte sich Doktor Fuchs.
„Ja“, sagte Jessica, auch, wenn es ihr ein bisschen unangenehm war, dass sie so viel fragte.
Auch das schien Doktor Fuchs zu merken: „Es muss dir nicht peinlich sein, wenn du viele Fragen hast, Jessica. Das ist doch ganz normal. Ich saß vor ein paar Wochen hier mit einem Mädchen, sie war etwas älter als du. Geschlagene zwei Stunden hat sie mir regelrecht Löcher in den Bauch gefragt- so viel, dass sie sich danach eigentlich die Schulung hätte sparen können, sie wusste dann bereits so gut wie alles. Ich habe ihr mehrmals gesagt, dass sie das alles noch lernen wird, aber sie war wirklich unglaublich neugierig und gab keine Ruhe, bis ich ihr nicht jede Frage bis ins allerkleinste Detail beantwortet hatte“, er lachte, „du siehst also, das ist gar kein Problem. Also: Was möchtest du wissen?“
„Ich wollte fragen... Was ist das Schwierigste für einen Diabetiker?“
Doktor Fuchs lachte erneut sein lautes, sympathisches Lachen. „Jessica, du bist wirklich erstaunlich. Das hat mich noch niemand gefragt. Andere wollen wissen, was in ihrem Körper abläuft und Ähnliches und du stellst mir jetzt eine so schwere Frage. Ich muss gestehen, dass ich dir das wahrscheinlich nicht ganz zufriedenstellend beantworten können werde. Es gibt kein schwerwiegendes Problem, das pauschal auf jeden Diabetiker dieser Welt zutrifft. Jeder empfindet da anders. Für dich persönlich wird das Messen wohl anfangs die größte Hürde darstellen, aber das weißt du ja sicher auch selber...“
„Ja, genau, ich wollte wissen, was dann nach...“, unterbrach Jessica den Arzt eifrig.
„...was nach dem Krankenhausaufenthalt schwer wird, nicht war?“, ergriff dieser wieder das Wort.
Jessica nickte, gespannt, was jetzt kommen würde.
„Nun, komischerweise haben die meisten Jugendlichen keine Probleme mehr mit dem Spritzen oder Messen, nachdem sie entlassen wurden. Sie fürchten sich nicht mehr davor und bekommen es meist ganz gut hin. Auch das Ausrechnen der KE stellt bei einigen zwar hin und wieder ein Problem dar, aber auch das klappt eigentlich größtenteils gut. Vielmehr sagen die meisten Jugendlichen, dass das ständige Kontrollieren des Wertes ihnen lästig ist. Und nicht nur das: Die ganze Krankheit ist ihnen lästig, sie versuchen teilweise, sie zu verdrängen und tun so, als seien sie völlig gesund. Im Klartext: Sie messen nicht mehr und spritzen kein Insulin mehr, um gegen die Krankheit zu rebellieren. Dass damit genau das Gegenteil erreicht wird, nämlich, dass der Diabetes wirklich gefährlich für sie wird, erkennen sie meist zu spät.“
Jessica war erstaunt. So etwas würde sie aber nicht machen. Immerhin war klar, dass man dadurch alles nur noch schlimmer machte. Hatte sie etwa laut gedacht? Oder war es wieder das feine Gespür des Arztes?
„Ich verstehe das auch nicht. Aber ich weiß, dass du so etwas nicht machen würdest. Du machst einen sehr vernünftigen Eindruck, Jessica.“
Jessica errötete leicht. Das hatte noch keiner zu ihr gesagt. Und doch war es genau das, was sie hatte hören wollen: Dass sie vernünftig war. Denn bisher war sie nur die fröhliche, immer aufgedrehte, alberne Jessica gewesen. Es war wichtig, dass sie jetzt zwar immer noch fröhlich blieb, aber gleichzeitig auch ernsthaft und erwachsener war als zuvor. Sie war froh, dass Doktor Fuchs sie so einschätzte.
„Ich glaube, dann habe ich jetzt erst einmal keine Fragen mehr“, sagte sie.
„Gut. Dann war es das für heute. Wir werden aber bestimmt noch das ein oder andere Gespräch haben und wenn dir noch etwas einfallen sollte, oder dich etwas bedrückt, weißt du ja jetzt, wo du mich findest.“
Sie nickte und versuchte ein verantwortungsbewusstes und ernsthaftes Gesicht zu machen.
Doktor Fuchs lächelte: „Und noch etwas, Jessica: Man fällt oft, aber das Wichtigste ist, dass man wieder aufsteht.“
Jessica lächelte zurück, stand auf und wollte das Zimmer verlassen. Sie fühlte sich, als wäre sie mindestens 10 cm gewachsen.
Da fiel ihr noch etwas ein: „Doktor Fuchs?“
„Ja, Jessica?“
„Danke.“
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