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7.Kapitel

Hier findet ihr die Diabetes-Geschichte!
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7.Kapitel

Beitragvon Caro » 23. Januar 2006 18:00

Spritzen und Messen

Jessica beschloss, nun erst einmal gar nichts mehr zu sagen und stattdessen ihre Sachen auszupacken. Fein säuberlich, was sonst gar nicht ihre Art war, räumte sie ihre T-Shirts in die oberste Ablage des Schrankes, danach kamen Hosen, Unterwäsche und Socken dran. Janine schien Jessicas Einräum-Aktion nicht zu interessieren, sie befasste sich weiterhin mit den „Tweenies“. Jessica wandte sich wieder ihrer großen Reisetasche zu, die nun nicht mehr viel enthielt. Lediglich die Sachen, die sie im Bad brauchte, waren noch da. Nur- wo war das Bad?
Sie schaute sich um und entdeckte hinter sich eine quietschgelbe Tür. Das musste wohl das Badezimmer sein. Sie öffnete die Tür und sah etwas, das man eigentlich schlecht als „Badezimmer“ bezeichnen konnte. Der Raum war nämlich winzig klein. Eine Dusche, ein Klo und ein Waschbecken mit einer kleinen Ablage waren zwar vorhanden, und natürlich alles knallbunt, aber eben klein. Aber was hatte sie erwartet? Sie war schließlich in einem Krankenhaus und nicht in einem Fünf-Sterne-Hotel. Sie fand sich also mit dem kleinen Bad ab und räumte ihre Sachen, so gut es ging, ein.
Nachdem sie alles eingeräumt hatte und sich aufs Bett fallen lassen wollte, um sich endlich auszuruhen, klopfte es an der Tür. Sie und Janine riefen im Chor „Herein!“ und ein kleiner rundlicher Pfleger mit braunen Haaren, einer Brille und einem freundlichen Lächeln betrat den Raum.
„Hallo, ich bin Pfleger Jens und zuständig für Kinder...“, bei Jessicas anscheinend ziemlich empörtem Blick fügte er hinzu: „...und Jugendliche mit Diabetes. Du bist die...?“
„Jessica“, antwortete Jessica und Pfleger Jens reichte ihr die Hand.
„Ich habe hier etwas für dich mitgebracht, was dich wahrscheinlich den Rest deines Lebens begleiten wird...“
Er zog ein längliches Paket aus seiner Hosentasche (eine riesengroße Hosentasche, wie Jessica bemerkte) und reichte es ihr. Sie öffnete es und fand darin ein Ding, das aussah wie ein dicker Kugelschreiber. Das sollte sie also den Rest ihres Lebens begleiten? Diese Vorstellung fand Jessica nicht gerade erbaulich.
„Das ist ein so genannter Pen“, erklärte Pfleger Jens und da erinnerte Jessica sich auch daran, wie Nathalie einmal diesen Pen genommen hatte und sich damit die Flüssigkeit darin in den Bauch gespritzt hatte.
Außerdem hatte sie ihr bei ihrem letzten Telefongespräch ja auch davon erzählt. Das Spritzen- das sollte sie doch jetzt wohl nicht auch machen?!
Oh doch. Pfleger Jens sagte zu ihr und Janine: „Na, dann kommt mal mit mir! Janine, du kennst das ja schon: Wir werden uns jetzt das Essen für heute Mittag angucken, ihr sagt mir, was ihr essen wollt und dann rechnen wir gemeinsam aus, wie viel KE das hat.“
KE?“, fragte Jessica irritiert.
KE bedeutet Kohlehydrateinheiten, früher hieß das BE, für Broteinheiten. Mit den KE rechnest du aus, wie viel du für das Gegessene spritzen musst. Was genau KE jetzt sind, und wodurch sie sich von BE unterscheiden, lernst du noch“
„Okay... Muss ich erst spritzen und dann essen oder umgekehrt? Oder muss ich etwa beim Essen spritzen?“, fragte Jessica unsicher.
Pfleger Jens lachte laut.
„Nein, nein, beim Essen musst du sicherlich nicht spritzen. Du spritzt jetzt zunächst ein Insulin, das sich Actrapid nennt. Diese Sorte Insulin spritzt man normalerweise vor dem Essen, das heißt, du musst dir vorher genau überlegen, was du essen möchtest, dann rechnen wir gemeinsam aus, wie viel du dafür spritzen musst, du spritzt, wartest dann ungefähr eine Viertelstunde, in der das Insulin anfängt zu wirken und dann kannst du es dir schmecken lassen. Die Viertelstunde, die du warten musst, nennt man Spritz-Ess-Abstand.
Heute konntest du dir dein Essen übrigens noch nicht aussuchen, da du ja gerade erst hier angekommen bist. Aber im Laufe des Tages wird noch jemand kommen und die Essensbestellungen für die folgenden Tage aufnehmen. Soweit alles klar?“
Jessica brummte der Kopf, aber sie sagte erst einmal brav: „Ja, alles klar.“
Sie standen inzwischen in der Küche und es roch nach Gemüse und Fleisch. Jessica hasste Gemüse und Fleisch mochte sie auch nicht immer, es war ihr meist zu zäh. Ihre Eltern waren die Meinung, sie sei viel zu pingelig und insgeheim wusste Jessica, dass das auch stimmte. Hier im Krankenhaus würde sie das wohl ändern müssen. Plötzlich kam Schwester Victoria herbeigeeilt und deutete auf zwei Teller. Jessica war froh, ein bekanntes Gesicht zu sehen.
„Der linke ist für Janine und der rechte für Jessica“, sagte Schwester Victoria, lächelte Jessica kurz aufmunternd an und war auch schon wieder verschwunden.
Eine sehr vielbeschäftigte Frau. Jessica kam sich wieder etwas verlassener vor, was sich aber schnell legte, als es interessant zu werden schien.
„So, dann fangen wir am besten mal mit Janine an. Jessica, pass gut auf, Janine und ich rechnen jetzt aus, wie viel KE ihr Essen hat“, forderte Pfleger Jens sie auf.
Jessica nickte und wartete gespannt, was nun kommen würde. Blöd fand sie nur, dass sie nun auch noch im Krankenhaus rechnen sollte. Mathe gehörte nun wirklich nicht zu ihren Lieblingsfächern, auch, wenn sie da auf einer glatten Zwei stand. Pfleger Jens hob den Deckel an, der sich auf dem Teller befunden hatte und begutachtete gemeinsam mit Janine das Essen. Ein komischer Anblick, fand Jessica.
„Was meinst du denn, Janine?“
„Also...“, Janine schaute immer noch auf ihren Teller, wo sich Kartoffeln, Gemüse, Fleisch mit Soße und etwas abseits noch ein Apfel befand. „Die Kartoffeln... drei KE?“, zögerte sie.
„Eine hühnereigroße Kartoffel hat eine KE“, wandte sich Pfleger Jens an Jessica. „Das hier sind drei Kartoffeln und die Größe... ja, ich denke, drei KE werden hinkommen.“
„Die will ich aber nicht alle essen, ich habe keinen Hunger. Ich esse höchstens eine.“
„Nun gut, dann eben eine KE.“
„Okay. Das Gemüse und das Fleisch hat gar nichts. Und der Apfel hat wieder eine KE. Das sind dann zusammen zwei KE“, rechnete Janine weiter.
„Genau. So, dann gucken wir mal, ob Jessica das gleiche hat.“
Und tatsächlich, auf Jessicas Teller befand sich exakt das gleiche Essen, bis auf die Beilage. Auf ihrem Teller war kein Apfel, sondern ein Diät-Pudding, bei dessen Anblick ihr schon das Wasser im Munde zusammenlief. Nur die „Diät“-Aufschrift störte sie irgendwie. Schließlich war sie nicht auf Diät und wollte sich nicht einschränken lassen. Ob Diät-Pudding wohl anders schmeckte als der Pudding, den sie kannte? Sollten die Leute, mit denen sie bis jetzt gesprochen hatte, sie doch angeschwindelt haben und sie würde doch nicht mehr alles essen können, was sie vorher gemocht hatte?
„Gut, Jessica, dann rechnen wir das mal zusammen aus“, riss Pfleger Jens sie aus ihren Gedanken. „Okay... Also... Kartoffeln weiß ich noch, die hatten eine KE. Das hier sind drei, also wären das drei KE, oder?“, meinte Jessica.
„Richtig. Gut, Jessica.“
„Das Gemüse und das Fleisch haben gar nichts und der Pudding da... Keine Ahnung!“, sagte sie verlegen.
„Guck hier, ich erkläre dir das. Hier steht „Kohlenhydrate“, ja?“, Pfleger Jens wies auf ein Etikett, das auf dem Diät-Pudding klebte Jessica nickte.
„Und dann steht da 10 g. Du musst das durch zehn teilen, um auf die KE zu kommen. Warum das so ist- wie gesagt, das lernst du später noch, auch wenn dich dieser Satz inzwischen sicher nervt.“
„Zehn durch Zehn- also eine KE“, sagte Jessica.
Sie wunderte sich-das war ja nun ziemlich leicht gewesen. Das sollte alles sein? Mehr musste sie für das Ausrechnen von KE nicht können?
„Ja“, stimmte Pfleger Jens ihr kurz zu.
„Zusammen also 4 KE.“
„Stimmt genau“, bestätigte Pfleger Jens, „jetzt müssen wir nur noch ausrechnen, wie viel du dafür spritzen musst. Wir haben uns überlegt, dass wir bei dir erst einmal mit dem Verhältnis 1:1 anfangen, aber bevor wir überhaupt irgendetwas spritzen, solltet ihr beide zunächst einmal euren Blutzucker messen.“
Jessica schluckte. Jetzt kam für sie das Schlimmste: Messen! Seit sie wusste, dass sie Diabetes hatte, hatte sie sich davor gefürchtet. Nicht nur davor, dass es weh tun könnte, sondern vor allem vor dem Blut. Aber jetzt war es wohl so weit und sie würde ihre Angst überwinden müssen.
„Hat man dir schon ein Messgerät gegeben, Jessica?“, erkundigte sich Pfleger Jens.
„Nein.“
„In Ordnung, dann bekommst du wahrscheinlich erst morgen eins. Solange kannst du ruhig eines von denen nehmen, die wir hier im Nebenraum haben. Kommt mit“, forderte der Pfleger die beiden auf.
Im Nebenraum sah es so aus, wie sich Jessica das von einem Krankenhaus vorstellte: Überall gab es Medikamente, Tupfer, und- zu ihrem Entsetzen- einige Röhrchen, in denen sich etwas befand, was verdächtig nach Blut aussah. Pfleger Jens öffnete eine Schublade und holte eines der Messgeräte heraus, wie Jessica sie noch von ihrem Arztbesuch vor ein paar Tagen kannte. Als er ihren ängstlichen Blick bemerkte, sagte er lächelnd: „Du musst keine Angst davor haben, das tut wirklich nicht weh. Frag Janine!“
Janine nickte sofort heftig, aber Jessica schüttelte nur den Kopf und sagte: „Aber ich kann kein Blut sehen.“
Der Pfleger lachte: „Oh je, eine Diabetikerin, die kein Blut sehen kann! Das habe ich auch selten erlebt. Aber du wirst deine Angst vor dem Blut wohl oder übel in den Griff kriegen müssen, Jessica. Als Diabetiker hat man schließlich jeden Tag mehrmals mit Blut zu tun.“
Jessica schluckte noch einmal und nickte dann stumm. Sie wollte alles so schnell wie möglich hinter sich bringen. Pfleger Jens gab ihr das Messgerät und eine kleine Dose, in der sich wohl die Teststreifen befanden. Die hatte Nathalie ihr schon gezeigt und Jessica war froh gewesen, dass der Name „Teststreifen“ so unkompliziert war und hatte es sich daher behalten. Nun reichte ihr Pfleger Jens auch noch das längliche Ding, mit dem sie sich pieksen sollte, die Stechhilfe.
„Zunächst musst du einen von diesen Teststreifen in das Messgerät stecken“, erklärte er Jessica. „Dann musst du einen Code eingeben. Wie das geht, erkläre ich dir gleich. Wenn dann im Messgerät die Anzeige kommt, dass du das Blut auftragen kannst, kommt die Stechhilfe zum Einsatz. Du solltest sie am Rand des Fingers ansetzen, da dort nicht so viele Nerven sind und dann tut das Ganze nicht so weh. Dann drückst du auf diesen Knopf und- schwupps- kommt das Blut aus deinem Finger. Als nächstes musst du es auf den Teststreifen auftragen und wenige Sekunden später wissen wir dann deinen Wert.“
Jessica nickte. Das hörte sich ja eigentlich relativ einfach an. Hoffentlich würde es auch so werden. Vorsichtig fischte sie einen Teststreifen aus der Dose und steckte ihn in das Messgerät. Sofort leuchtete dort eine Anzeige auf. „CODE: 7“, stand da.
„Guck auf die Dose mit den Teststreifen, dort steht, welchen Code du eingeben musst“, erklärte Pfleger Jens kurz.
„CODE: 18“, stand auf besagter Dose. Jessica hatte schnell durchschaut, dass sie mit den Pfeiltasten am Messgerät den Code ändern konnte und bald erschien der richtige Code im Display des Geräts. Sie drückte die OK-Taste und dann leuchtete auch schon die Anzeige „Blut auftragen“ auf.
„Sehr gut, jetzt kann es losgehen“, lobte Pfleger Jens.
Behutsam nahm Jessica die Stechhilfe in die Hand. Dann überlegte sie nicht lange, setzte sie am Rand ihres rechten Ringfingers an und drückte auf den Knopf. Sie spürte einen kleinen Pieks, als wenn sie ganz leicht auf einen spitzen Bleistift gefasst hätte und dann kam auch schon etwas Blut aus ihrem Finger. Entsetzt starrte sie darauf.
„Gut! Jetzt wisch den ersten Tropfen Blut an diesem Tupfer ab. Es könnte nämlich sein, dass sich an deinem Finger noch Reste von Zucker oder Dreck oder sonst etwas befinden, die den Wert verfälschen würden. Und dann trägst du das Blut auf den Teststreifen auf“, forderte Pfleger Jens.
Das alles hatte Jessica ja schon einmal von Nathalie gehört, aber sie fand es gut, dass Pfleger Jens alles noch einmal erklärte, denn sie war ziemlich nervös.
Dann atmete sie einmal tief durch, drückte ein wenig auf den Finger, damit das Blut richtig herauskam und tat dann wie ihr geheißen. „5, 4, 3, 2, 1“, zeigte das Messgerät an und dann kam auch schon der Wert: 248 mg/dl.
„Das ist ziemlich viel, aber wir kriegen das schon herunter gespritzt“, meinte Pfleger Jens zuversichtlich. Jessica dagegen war ziemlich überrascht, wie gut das Messen funktioniert hatte.
„Jetzt schauen wir mal, wie viel zu spritzen musst. Wie ich ja schon sagte, haben wir das Verhältnis 1:1. Das heißt, wenn du eine KE isst, spritzt du eine Einheit Insulin. Wenn du also, wie gleich vier KE isst, musst du wie viel spritzen?“
Pfleger Jens kam Jessica fast vor wie ihr Mathelehrer, nur dass der viel schwerere Aufgaben stellte. Da hätte sie wahrscheinlich mithilfe der P-Q-Formel die verschiedenen möglichen Werte ausrechnen müssen.
„Na, vier Einheiten“, antwortete sie sofort.
„Genau. Das war ja nicht sehr schwer, oder? Janine hat es etwas schwieriger. Sie hat das Verhältnis 1,5:1. Ob wir bei dir bei 1:1 bleiben, wissen wir noch nicht, das wird sich noch herausstellen. So, jetzt zu dir, Janine. Wenn ich mich recht erinnere, isst du zwei KE. Wie viel musst du also spritzen, wenn dein Verhältnis bei 1,5:1 liegt?“
Pfleger Jens erinnerte Jessica wirklich sehr an ihren Mathelehrer. Zu sehr.
„Ähm... Zwei KE mal 1,5...“, stammelte Janine.
Jessica hatte das Ergebnis längst heraus, aber für Janine schien das Rechnen sehr schwer zu sein.
„Schau mal, was ist denn die Hälfte von zwei?“, half Mathe-Pfleger Jens.
„Eins.“
„Genau. Und was ist ein mal zwei?“
„Ja, zwei natürlich.“
„Richtig. Jetzt zählst du die beiden Ergebnisse zusammen und so viel musst du spritzen.“
Erst da fiel Jessica auf, dass sie gar nicht gesehen hatte, ob Janine schon gemessen hatte. Doch da sah sie einen Tupfer mit einem Tropfen Blut und ein Messgerät, das ihrem sehr ähnelte, vor Janine liegen. Sie hatte also schon gemessen, schnell und ohne großes Aufsehen. Für sie war das wohl schon Routine und davor hatte Jessica viel Respekt.
„Also... drei Einheiten Insulin.“
„Was für einen Wert hattest du gerade?“
„125 mg/dl.“
„Gut, dann musst du also nicht herunter spritzen. Aber du, Jessica“, wandte er sich wieder an sie, „du musst sogar einiges herunter spritzen. Dir das jetzt auch noch zu erklären, wäre ein bisschen viel für den Anfang, denke ich. Darum, versprochen, heute zum letzten Mal der Satz: Das lernst du auch noch. Entweder bei der Schulung, oder ich erkläre es dir an einem anderen Tag. Fürs erste will ich dich aber nicht zu sehr überfordern. Ich sage dir nur so viel: Wir haben auch hier erst einmal wieder ein Verhältnis ausgerechnet, von dem wir noch nicht wissen ob es dabei bleibt, und nach diesem Verhältnis müsstest du jetzt zwei Komma fünf Einheiten herunter spritzen.“
„Also insgesamt sechs Komma fünf Einheiten“, stellte Jessica fest und war froh, dass Pfleger Jens ihr erst einmal nicht erklärt hatte, was genau es jetzt mit diesem Verhältnis schon wieder auf sich hatte.
„Sehr gut! Genau das machen wir jetzt.“
Pfleger Jens forderte die beiden nicht auf, ihm zu folgen, als er wieder den Raum verließ, aber das war nicht nötig, denn sie schlossen sich ihm ohnehin an.
Als die drei wieder Janines und Jessicas Zimmer betraten, lag auf Jessicas Nachttisch immer noch der Pen. Er kam ihr dort so fremd vor, so, als wenn jemand ihn dort vergessen hätte, ihn aber sicher bald wieder abholen würde. Er passte nicht zu den Büchern, Zeitschriften, CDs und ihrem Gameboy, die daneben lagen. Er passte nirgendwo hin. Jedenfalls nicht in ihre Welt, die bis vor kurzem noch so unkompliziert gewesen war und mit einem Mal vollkommen durcheinander geriet. Aber jetzt war er da und sie würde ihn aller Wahrscheinlichkeit nach nie wieder loswerden. Jessica atmete wieder einmal tief durch, dann ging sie zu ihrem Nachttisch, nahm den Pen in die Hand und begutachtete ihn. Sie konnte nichts Besonderes an ihm finden. Er war orange und blau (ihre Lieblingsfarben, aber das machte ihr den Pen auch nicht viel sympathischer) und sah eben aus wie ein Kugelschreiber. Deswegen hieß er ja auch Pen. Wenn man aber die Kappe des Pens abzog, befand sich darunter aber keineswegs eine Mine, sondern eine Nadel. Sie war sehr dünn und kurz, ganz anders als bei den Spritzen, die Jessica immer bekam, wenn sie geimpft wurde. Auf der anderen Seite des Pens, oben, konnte man einstellen, wie viele Einheiten man spritzen wollte. Pfleger Jens erklärte ihr, sie müsse zunächst eine Einheit herausspritzen, um zu testen, ob das auch funktionierte. Langsam und sehr vorsichtig stellte Jessica eine Einheit ein, drückte oben auf den Pen und schon kamen aus der Nadel ein paar Tropfen von einer durchsichtigen Flüssigkeit- Insulin!
„Jetzt kannst du spritzen“, verkündete Pfleger Jens.
Jessica stellte sechs Komma fünf Einheiten ein. Dann sah sie Pfleger Jens fragend an.
„Am besten, du spritzt in den Bauch, obwohl du da ja nicht gerade viel Speck hast. Kneif dir eine Falte dort hinein, und dann musst du dich kurz überwinden und die Nadel in den Bauch stechen. Das tut wirklich nicht weh, versprochen. Du siehst ja, die Nadel ist ganz dünn. Wenn du dich erst einmal überwunden hast, musst du nur noch oben auf den Pen drücken, wie du das gerade gemacht hast. Du darfst aber anschließend die Nadel nicht sofort wieder herausziehen. Zähl im Kopf bis zwanzig, und dann ist es genug.“
Jessica atmete drei Mal tief ein und aus, dann kniff sie sich eine Falte in den Bauch und stach mit der Nadel hinein. Es tat ihr überhaupt nicht weh, sie merkte nicht einmal einen Pieks. Verwundert schaute sie auf den Pen, um sicherzugehen, dass sich die Nadel auch tatsächlich schon in ihrem Bauch befand. Das tat sie und so drückte Jessica oben auf den Pen, bis es nicht mehr weiter ging, zählte im Kopf bis zwanzig und zog dann den Pen wieder aus ihrem Bauch hinaus.
„Perfekt! Das war große Klasse!“, lobte Pfleger Jens.
Jessica strahlte. Sie hatte ihre Angst überwunden. Sie hatte zum ersten Mal gespritzt und es hatte nicht weh getan. Später, als sie schon mehrere Jahre Diabetes hatte, erinnerte sie sich immer noch an diesen Moment, in dem sie so eine große Zuversicht bekommen hatte. Und auch dachte sie im Nachhinein, dass sie sehr viel Glück gehabt hatte. Hätte das Spritzen oder Messen am Anfang weh getan, hätte sie bei den nächsten Malen noch viel größere Hemmungen gehabt. Aber so war die erste Hemmschwelle abgebaut- sie hatte im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt. Sie hatte sie ihre Angst überwunden, Blut gesehen, gespritzt, gemessen. Und nun hatte sie das Gefühl, alles im Griff zu haben. Und das fühlte sich sehr gut an.
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