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5.Kapitel

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5.Kapitel

Beitragvon Caro » 23. Januar 2006 17:58

Das Krankenhaus

Am nächsten Tag war Jessica furchtbar aufgeregt und zugleich auch traurig, da sie ja nun für eine Zeit von zu Hause weg musste. Und in diese aufgeregte Traurigkeit mischte sich Neugier. Neugier auf das Krankenhaus, ihr Zimmer, die Ärzte und Schwestern aber vor allem Neugier auf sich selbst. Sie hatte das Gefühl, dass sie nach diesem Krankenhausaufenthalt ein ganz anderer Mensch sein würde. Sie wusste, dass sie von einem Tag auf den anderen sozusagen erwachsen werden musste, denn um gut mit ihrem Diabetes klarzukommen, das hatte Nathalie ihr gesagt, brauchte sie vor allem zwei Dinge: Selbstbeherrschung und Disziplin.
„Du musst unglaublich standhaft sein, wenn du Diabetes hast“, hatte sie erklärt.
„Warum das?“, hatte Jessica daraufhin wissen wollen.
„Na, wenn zum Beispiel ein Teller mit den leckersten Sachen überhaupt vor dir steht- mit Schokolade, Weingummi, Crackern und Ähnlichem- und du schon gespritzt hast, darfst du davon nichts mehr essen. Du musst dann warten, bis die Wirkungszeit von dem Insulin…“
Danach hatte Nathalie ihr etwas erklärt, was sie noch nicht ganz verstanden hatte. Irgendetwas von Basal-, Normal- und Schnellinsulinen, aber als Jessica sie fragend anguckte, schlug sie sich nur die Hand vor den Mund und rief: „Upps, das kennst du ja alles noch gar nicht! Aber du lernst das alles im Krankenhaus!“
Nun war Jessica also auf dem Weg ins Allgemeine Krankenhaus. Sie saß, wie immer, hinten im Auto, während ihr Vater hinterm Steuer saß und redete: „Weißt du, Jessica, mir ist da ein Spruch eingefallen: Glück ist Alltag. Wenn man in so einer Situation ist wie du gerade, wird einem erst klar, was dieser Spruch wirklich bedeutet und wie wahr er ist.“
Jessica verstand erst, was er meinte, als sie an ihrer Schule vorbeifuhren.
„Da wäre ich jetzt gerne“, hörte sie sich sagen.
Ihr fiel auf, dass es wirklich stimmte- was hätte sie dafür gegeben, jetzt in die Schule zu dürfen, anstatt ins Krankenhaus und dann auch noch mit Diabetes! Sie verstand, was ihr Vater meinte: Wenn man jeden Tag zur Schule ging, konnte man gar nicht begreifen, was daran gut sein sollte. Es war ein Stück langweiliger Alltag, man brachte es hinter sich und war froh, wenn man etwas anderes unternehmen konnte. Doch jetzt, wo es ihr so schlecht ging, verstand sie, dass man Glück hatte, wenn man gesund war, eine gute Ausbildung, Freunde und Familie, die für einen da waren, hatte. Glück war wirklich Alltag und in diesem Moment hatte Jessica das verstanden.

„...You'll already miss me if I go away
So close the blinds and shut the door
You won't need other friends any more

Oh… don't leave home, oh… don't leave home

And if you're cold I'll keep you warm
And if you're low just hold on
Cause I will be your safety
Oh… don't leave home...”

, kam es aus dem Radio. In dem Augenblick fand Jessica, dass das Lied sehr gut zu ihrer Situation passte. “Don't leave home“ hieß schließlich “Verlass zu Hause nicht“ und das tat sie schließlich gerade. Und andererseits machte das Lied sie auch traurig, weil es sie fast schmerzlich an etwas erinnerte, von dem sie nicht genau sagen konnte, was es war. Eine merkwürdige Ungewissheit über die Zukunft vielleicht oder die Sehnsucht nach Sicherheit und Menschen, die für einen da waren.
Als das Lied zu Ende war, dachte Jessica noch einmal über den gestrigen Abend nach. Mittlerweile wussten schon ziemlich viele, dass sie Diabetes hatte. Als erstes hatte sie ihrer besten Freundin Mary J. eine SMS geschrieben, in der sie ihr die schreckliche Neuigkeit mitteilte. Sie hatte einfach nicht die Nerven gehabt, es ihr sozusagen ins Gesicht zu sagen- wenn auch nur am Telefon. Mary J. hieß eigentlich Marie Jansen, aber sie bestand darauf, Mary J. genannt zu werden, selbstverständlich mit englischer Aussprache. Mary J. jedenfalls hatte ihr sofort zurück geschrieben und ihr mitgeteilt, dass sie sie im Krankenhaus unbedingt besuchen müsse. Wie Jessica allerdings kurz darauf feststellte war Josi, eigentlich Josefine, an diesem Tag bei Mary J. gewesen und so hatte sie es mitbekommen und ihrer gemeinsamen Freundin Emily erzählt und die hatte dann wiederum so ziemlich alle Leute aus Jessicas Klasse angerufen und sich außerdem per SMS als Besuch angesagt, zusammen mit Verena, die ebenfalls in Jessicas Klasse ging. Der Gedanke daran, dass ihre Freunde sie besuchen kommen würden, machte den Gedanken an den bevorstehenden Krankenhausaufenthalt für Jessica wesentlich leichter.

„So, da wären wir“, unterbrach ihr Vater ihre Gedanken. „Dann mal rein ins Vergnügen!“
Jessica wunderte sich, wie locker er das zu nehmen schien, aber sie wusste, dass er es ihr nur leichter machen wollte. Dass das kein Vergnügen werden würde, wusste er sicher auch.
Als sie das Krankenhaus betraten, dachte sie aufs Neue, dass vielleicht doch nicht alles so schlimm werden würde, vielleicht sogar ganz erträglich. Der Eingangsraum des Krankenhauses war weiß und rot gestrichen, was Jessica unweigerlich an Ketchup und Mayonnaise erinnerte, aber es war schön. Überall standen Pflanzen und alles wirkte sehr sauber, die Menschen dort freundlich. Jessica setzte sich neben ihren Vater auf eine Bank und wartete, dass sie aufgerufen wurden, damit sie sich anmelden konnte. Ihr fiel auf, dass das Aufrufen in diesem Krankenhaus ganz modern ging: Ihr Vater hatte von einer Frau am Empfang ein kleines Kärtchen mit einer Nummer darauf bekommen und wenn diese Nummer auf einem Monitor im Raum angezeigt wurde, waren sie dran. „58“ war die Zahl und im Moment war auf dem Monitor die Zahl „56“ zu sehen. Jessica hoffte, dass es nicht mehr allzu lange dauern würde und da sprang auch schon die „56“ auf „57“ um.
„Noch Einer vor uns“, dachte Jessica und lehnte sich an die Rückenlehne ihrer Bank.
Sie hatte keine Ahnung, wo sie in diesem Krankenhaus untergebracht werden würde, aber ihre Eltern hatten vermutet, dass sie auf die Kinderstation kommen würde. Ob das nicht etwas albern sei, schließlich sei sie nun schon dreizehn, hatte Jessica daraufhin empört erwidert. Aber ihre Eltern hatten ihr erklärt, dass dort alle Unter-Sechzehn-Jährigen hinkamen und dass sie froh sein könne, auf der Station zu liegen, denn die wäre viel schöner als die anderen und das hatte Jessica dann doch ganz gut gefunden.
„58“ blinkte auf und Jessica und ihr Vater betraten einen kleinen Raum, in dem eine Dame saß, die Jessica auf Mitte 40 schätzte. Sie war etwas pummelig, hatte streng zusammengebundene, mausbraune Haare und eine rahmenlose Brille und schien ganz nett zu sein. Sie erklärte den beiden, dass nur noch Zweierzimmer frei seien, aber dass sie jemand besonders Nettes für Jessica heraussuchen würde. Das hoffte Jessica auch, denn eigentlich hatte sie auf ein Einzelzimmer gewollt. Zu groß war die Sorge gewesen, jemanden mit sich auf dem Zimmer zu haben, der absolut unsympathisch, nicht in ihrem Alter oder wirklich schwer krank war. Und nicht auszudenken, wenn dieser Jemand auch noch nachts schnarchte, sodass Jessica kein Auge zutun konnte! Aber die Zweierzimmer-Lösung ließ sich nun leider nicht umgehen.
Die Frau gab ihnen einen Chip, mit dem sie das Telefon „in Gang setzen“ konnten, wie sie sich ausdrückte und sagte, sie sollten auf Station 33 gehen, das sei die Kinderstation. Also machten sich Jessica und ihr Vater auf den Weg zu Station 33.
Zunächst ging es den Wegweisern hinterher. Diese führten leider überall hin, nur nicht zu Station 33, auch, wenn das ausdrücklich auf den Schildern stand. Fluchend erklärte Jessicas Vater, jetzt müssten sie wohl jemanden finden, der ihnen den Weg zeigen könne. Glücklicherweise kam ihnen gerade da ein Arzt entgegen. Es war ein schlanker Mann mit dunkelbraunen Haaren und, was beim näheren Hinsehen besonders auffallend war, meeresblauen Augen.
„Entschuldigung, Kissing mein Name, meine Tochter Jessica müsste auf Station 33, nur leider finden wir die nicht“, erklärte Herr Kissing.
„Ich bin Doktor Fuchs“, stellte sich der Arzt kurz vor, „und das trifft sich wunderbar, ich muss nämlich auch auf Station 33, für die bin ich nämlich größtenteils zuständig.“
Jessica und ihr Vater folgten dem Arzt durch mehrere Gänge und Jessica kam das Krankenhaus mittlerweile schlimmer vor als ein Labyrinth. Schließlich erreichten sie „Haus 3“, in dem sich auch Station 33 befand- passenderweise in der dritten Etage. Von so vielen Dreien verwirrt, wollte Jessica sich eigentlich nur noch auf ihr Zimmer legen. Doch während sie die Treppen hinaufstiegen, stellte der Arzt ihr einige Fragen.
„Und, warum musst du ins Krankenhaus, Jessica?“
„Diabetes“, murmelte sie.
„Aha. Ganz frisch?“
Sie nickte.
„Das ist natürlich schwer am Anfang. Aber wir bekommen das schon hin. Wir werden uns, denke ich, noch des Öfteren sehen, ich kümmere mich nämlich besonders um die Diabetiker auf unserer Station.
Okay, hier müssen Sie nur noch durch die Tür, ich muss einmal kurz… sagen wir, für kleine Oberärzte. Aber Sie kommen jetzt sicher auch allein zurecht“, fügte er hinzu, als sie in der dritten Etage angekommen waren und verabschiedete sich dann lächelnd.

Allzu schnell ging das Ganze zu Jessicas Unzufriedenheit leider nicht. Sie und ihr Vater mussten erst einmal eine Weile warten, bis schließlich eine kleine schlanke Frau mit kurzen schwarzen Haaren vor ihnen auftauchte, die sich als Schwester Victoria vorstellte. Auch sie schien sehr nett zu sein.
„Hallo, du bist also Jessica Kissing. Ich habe schon von unten Bescheid bekommen, dass du auf dem Weg hierher bist und wir haben auch schon ein Zimmer für dich gefunden, komm mit“, sagte sie freundlich und Jessica kam es vor, als würde Schwester Victoria nie aufhören zu lächeln.
„Diabetes ist natürlich keine Krankheit, die man so auf die leichte Schulter nehmen kann, aber ich bin sicher, dass du das ganz gut schaffen wirst. Mein Neffe hat auch vor kurzem Diabetes bekommen, er ist zwei Jahre jünger als du, aber er geht wirklich sehr gut damit um. Ich glaube, wir werden das hier schon ganz gut hinbekommen mit dir.“
„Hoffentlich“, dachte Jessica und folgte Schwester Victoria einen Gang hinunter, während sie sich dort umschaute.
Das war eindeutig die Kinderstation: Alles war bunt angemalt, ziemlich kindgerecht mit einer lachenden Sonne und vielen Tieren, die allerdings nicht sehr echt aussahen, so gab es zum Beispiel einen lila Hund und eine grüne Katze. Jessica gefiel es trotzdem, sogar wesentlich besser als auf den tristen anderen Stationen, wo alles nach Pommes rot-weiß aussah. Dort konnte man sich gar nicht richtig wohl fühlen, fand sie, aber auf der Kinderstation gefiel es ihr doch ganz gut. Sie war gespannt, was sie erwartete…
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