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2.Kapitel

Hier findet ihr die Diabetes-Geschichte!
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2.Kapitel

Beitragvon Caro » 23. Januar 2006 17:56

Das neue Leben

Jessica schlug sich die Hand vor den Mund, ihre Mutter seufzte nur und allein der Arzt blieb ganz locker.
Er erklärte Jessica: „Du hattest einen Wert, den das Messgerät gar nicht mehr anzeigen konnte- er war über 500 Milligramm pro Deziliter (mg/dl)! Das sagt dir jetzt nicht so viel, aber vielleicht
kannst du es dir in etwa vorstellen, wenn ich dir sage, dass 100 mg/dl normal sind.“
Jessica zuckte zusammen- das war aber wirklich sehr hoch!
„Diabetes war früher mal eine schlimme Krankheit“, fuhr der Doktor fort, „aber inzwischen kommt man ganz gut damit klar. Du musst eben regelmäßig messen und spritzen, das ist alles- und um das zu lernen, musst du erst einmal ins Krankenhaus! Wahrscheinlich morgen schon. Du musst dann morgen noch einmal zu einem Blutzuckertest hierher kommen.“
Das reichte! Jessica war kurz davor, in Tränen auszubrechen- Krankenhaus! Was dachte der sich eigentlich?!
„Aber ich habe doch in drei Tagen Geburtstag!“, protestierte sie.
„Deine Gesundheit geht jetzt erst einmal vor. Das ist zwar ziemlich blöd für dich, aber daran lässt sich nun mal nichts ändern“, erklärte Doktor Hesse.
„Und... woher kommt das nun plötzlich?“, wechselte Jessicas Mutter das Thema.
„Von den Windpocken…“
„Nein! Das ist doch unmöglich!“, Jessica konnte das nicht glauben.
„Doch, Jessica, leider. Windpocken sind eine Viruserkrankung, die im Körper Diabetes auslösen kann. Aber du musst bedenken, dass die Windpocken nur der Auslöser und nicht die Ursache für deinen Diabetes waren. Die Veranlagung dafür war von Anfang an in deinem Körper. Hättest du Diabetes nicht durch die Windpocken bekommen, dann durch eine Erkältung, Masern oder Rö¬teln. Irgendetwas wäre immer gewesen. Ich sage immer: Mancher hat einen Sechser im Lotto, ein anderer nur Nieten. Ich zum Beispiel habe den Sechser im Lotto gehabt: Ich hatte Masern, Wind¬pocken, Röteln und Keuchhusten und habe nie irgendwelche Schäden davongetragen. Du hast jetzt einmal Windpocken gehabt und schon Diabetes. Das ist zwar wirklich sehr unglücklich, aber, wie gesagt, es gibt Schlimmeres und man kann damit leben!“
Das sah Jessica allerdings ganz anders. Veranlagung… woher denn? So eine komische Krankheit wie Diabetes traf doch sicher nur ungesund lebende Menschen- von wegen Veranlagung! Aber das Ergebnis war klar: Diabetes. Ganz plötzlich hatte sich in Jessicas Leben alles gedreht. Und nun? Spritzen und dieses eigenartige Messen! Sie konnte doch einfach kein Blut sehen! Und nun sollte sie jeden Tag in ihren Finger pieksen und wie Frau Likrug das Blut dort herausquetschen?!
„Alles Weitere werden sie dir dann im Krankenhaus erklären, ich will dir ja jetzt nicht zu viel er¬zählen, die Diagnose reicht ja schon, was?“
Scherzte der jetzt auch noch?! Auf einmal verspürte Jessica eine unbändige Wut auf diesen Arzt. Es kam ihr vor, als sei er schuld daran, dass sie nun Diabetes hatte.
„Du darfst jetzt erst einmal nichts mehr essen, wo Zucker oder Stärke drin ist. Keine Süßigkeiten natürlich, aber auch kein Brot, denn das enthält Stärke. Fleisch, Eier, Mineralwasser und Light-Getränke, so etwas darfst du essen, beziehungsweise trinken. Mehr –zunächst- nicht. Wenn du das Spritzen und Messen erst einmal im Griff hast, darfst du wieder alles essen, was du willst“, er-öffnete der Arzt ihr als Nächstes.
Immerhin war das eine gute Nachricht, denn im ersten Moment hatte Jessica schon geglaubt, sie dürfe nie wieder etwas Süßes essen oder ihren geliebten Orangensaft, der ja auch Zucker enthielt, trinken.
Schließlich meinte Doktor Hesse: „Ach ja, noch etwas Jessica- sei froh, dass du heute, am Donnerstag gekommen bist. Denn am Sonntag hättest du ja deinen Geburtstag gefeiert; mit Ku¬chen und all diesen süßen Getränken... Da hätte es durchaus passieren können, dass du am Montag in der Schule vom Stuhl gekippt wärst!“
Jessica schlug erneut die Hand vor den Mund. Das wollte sie sich gar nicht groß ausmalen!
„Wie lange werde ich denn ins Krankenhaus müssen?“, erkundigte sie sich vorsichtig.
„Nicht lange“, setzte der Arzt an und Jessica freute sich schon, „nur so zehn Tage, denke ich.“
„So lange?!“, rief Jessica entsetzt aus.
Was für ein Albtraum! Sie hasste diese Krankheit schon jetzt.

Auf dem Weg nach Hause ging es Jessica schlechter denn je. Diabetes. Sie musste gleich Nathalie anrufen.
„Ach, Jessica, das tut mir ja so Leid für dich. Es ist wirklich schlimm, dass du jetzt ausgerechnet an deinem Geburtstag ins Krankenhaus musst, aber der Arzt hat schon Recht: Deine Gesundheit geht vor!“, versuchte ihre Mutter sie zu trösten.
Jessica biss sich auf die Zunge, um nicht loszuheulen. Gutes Zureden konnte sie nun wirklich nicht gebrauchen, und erst recht kein Mitleid oder gut gemeinte Ratschläge. Alles, was sie denken konnte, war: Warum sie? Und warum ausgerechnet jetzt?

Zu Hause angekommen, öffnete Jessicas Vater die Tür.
„Und?“, fragte er gespannt.
„Setz dich“, sagte Jessica mit Grabesstimme und sie fühlte, dass ihr Gesicht leichenblass war. Ein Blick in den Flurspiegel bestätigte ihr Gefühl: Sie war leichenblass.
„Was ist denn?“, fragte Jessicas Vater.
„Diabetes“, flüsterte Jessica und es war jetzt nur noch ein leises Krächzen.
„Oh nein! Wirklich?“, Jessicas Vater war entsetzt.
„Ja“, bestätigte Jessicas Mutter. „Sie hat Diabetes.“
Da konnte Jessica nicht mehr, weil ihr nun plötzlich klar wurde, dass sie diese Krankheit ein Leben lang haben würde. Nie wieder ohne, kein normales Leben mehr! Was sollte sie denn nun noch mit ihrem Leben anfangen?! Sie fing an zu weinen, die Tränen kullerten ihr nur so über die Wangen und sie konnte sich gar nicht mehr beruhigen.
„Ach, Jessy, es tut mir ja so Leid“, meinte ihre Mutter mitfühlend und ihr Vater nickte zu¬stimmend.
Es half aber alles nichts. Niemand auf der ganzen Welt konnte ihr helfen. Niemand.

„Fröhlich?“
„Hallo, hier ist Jessica. Ist Nathalie da?“, krächzte Jessica schwach in den Hörer.
„Ja, natürlich, Jessica. Bist du erkältet? Du klingst so komisch“, antwortete Frau Fröhlich, Nathalies Mutter.
„Nein, erkältet bin ich nicht“, entgegnete Jessica.
Und kurz darauf hörte sie Nathalies Stimme.
„Hallo?“
„Hallo, Nathalie. Ich bin’s, Jessica.“
„Jessy! Schön, dass du mal anrufst. Was gibt’s?“
„Wir haben was gemeinsam“, erklärte Jessica.
„Hä? Was denn? Ach, du meinst, das gleiche Stück beim nächsten Gitarrenvorspiel?“, fragte Nathalie.
Nein, das war es natürlich nicht. Aber es hätte durchaus sein können. Nathalie und Jessica hatten sich vor einem Jahr kennen gelernt, sie spielten nämlich seitdem zusammen Gitarre. Und für das nächste Vorspiel hatten sich beide für das gleiche Stück interessiert. Wie unbedeutend das auf einmal war!
„Nein, das meine ich nicht. Ich meine... Diabetes!“
Jetzt war es raus. Einen Moment herrschte Stille. Doch dann kam alles auf einmal.
„Was?! Oh nein! Doch nicht wirklich?! Jessy, oh nein! So ein Mist! Oh, nee! Was.. oh, Gott! Oh, das tut mir so Leid, Jessy! Oh nein!“
„Tja, man kann nichts machen. Ich muss jetzt außerdem ins Krankenhaus- wahrscheinlich schon morgen“, meinte Jessica und versuchte, möglichst locker zu klingen.
„Oh nein!“, sagte Nathalie schon wieder. „Und du hast doch übermorgen Geburtstag! Ach, Jessy, manchmal denke ich ja: „Warum ausgerechnet ich?!“ aber wenn dann eine Freundin von mir das Gleiche bekommt... Ich weiß ja, wie das ist. Oh, nein! Verdammt!“
Nun weinte auch Nathalie fast. Jessica war es schon fast peinlich, sie angerufen zu haben, andererseits freute sie sich auch, dass Nathalie so mitfühlend war.
„Ich werd das schon irgendwie hinkriegen“, meinte Jessica.
„Ja klar, du schaffst das, Jessy. Oh je, das ist echt schlimm! Warte mal eben... Mama!“
Jessica wartete gespannt darauf, was nun kommen würde.
„Mama! Jessica hat auch Diabetes! Sie hat das gerade erfahren!“, hörte sie Nathalie rufen. „Sie muss jetzt ins Krankenhaus, aber sie hat übermorgen Geburtstag! Ist das nicht blöd?! Wir müssen sie aber besuchen, ja, Mama? Jeden Tag am besten! Müssen wir!“
Jessica musste nun doch ein bisschen lächeln. Es war wirklich lustig, zu hören, wie aufgeregt Nathalie war.
„Oh Gott, das ist ja schlimm. Aber immerhin seid ihr jetzt nicht mehr alleine, ihr kennt ja jetzt beide jemanden, der auch Diabetes hat. Und natürlich besuchen wir Jessica, das ist doch klar!“, hörte Jessica Nathalies Mutter sagen.
„Ach, Jessy, das ist so doof. Ich weiß gar nicht, was ich noch sagen soll… Du musst mich aber auf jeden Fall auf dem Laufenden halten, wann du jetzt genau ins Krankenhaus kommst und so, ja?“
„Aber sicher“, stimmte Jessica zu.
„Ich besuch dich dann auf jeden Fall!“
„Ja, ja, ist schon klar“, sagte Jessica lachend.
Sie hatte bis vor einigen Minuten gar nicht daran geglaubt, jemals wieder lachen zu können und nun hatte sie es doch getan.
„Ich muss jetzt Schluss machen, aber ich verspreche dir, dass ich dich morgen anrufe! Ich denk an dich! Ich hab dich lieb!“
„Danke Natha, du hast mir total geholfen- ehrlich! Ciao!“
„Immer doch! Bis morgen!“
Mit diesen Worten legte Nathalie den Telefonhörer auf und Jessica ebenso. Sie hatte zum ersten Mal seit der schrecklichen Diagnose das Gefühl, dass das Leben irgendwie weitergehen würde. Und das war immerhin etwas. Sie hatte fast das Gefühl, als beginne nun ein neuer Lebensab¬schnitt von ihr. Ihr altes Leben, mit Diabetes, war seit heute vorbei. Aber eben nur ihr altes, und nicht ihr ganzes Leben. Und sie hoffte, dass ihr neues Leben, mit Diabetes, so schön wie möglich wurde und dass sie alles schaffte. Sie würde sich anstrengen, schließlich hatte Nathalie das auch geschafft und kam nun super mit der Krankheit klar! Verzweifeln gilt nicht, hätte ihre beste Freundin Mary J. gesagt. Und sie hatte Recht.

Anmerkung: Der ursprüngliche Titel "Was nun?" wurde geändert, da er dem Titel von Kapitel 14, das ja verlorengegangen ist, aber an den Titel kann ich mich immerhin noch erinnern: "Diabetes- was nun?" zu sehr glich. Ich hoffe aber, der Titel ist auch okay :wink:
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