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15. und letztes Kapitel

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15. und letztes Kapitel

Beitragvon Caro » 11. August 2012 12:59

Zuckersüße Zukunft

Die nächsten Tage verliefen für Jessica wie ein einziger Traum. Alles ging irgendwie ineinander über und wurde in ihrer Erinnerung zu einem großen Erinnerungsklumpen, bestehend aus vielen kleinen Einzelteilen. Da war zunächst die Erinnerung an Janine und ihr Schicksal. Doktor Fuchs, Pfleger Jens und die Schwestern hatten sich sehr gut um Janine gekümmert, und vor allem Doktor Fuchs hatte noch einige Gespräche mit ihr und auch mit ihren Eltern geführt. Janine war, entgegen ihrer Drohung, nicht nachts abgehauen, sondern hatte friedlich geschlafen - ganz im Gegensatz zu Jessica, die vor lauter Anspannung kaum ein Auge hatte zumachen können. An Jessicas siebtem Tag im Krankenhaus wurde Janine entlassen; Adressen wurden ausgetauscht und die beiden versprachen sich, in Kontakt zu bleiben. Ob das wirklich passieren würde, da war Jessica sich nicht ganz sicher. Die beiden Mädchen waren einfach sehr verschieden und unter normalen Umständen hätten sie vermutlich überhaupt nichts miteinander zu tun gehabt. Es war die Krankheit, die sie verband, auch wenn sie auf unterschiedliche Weisen damit umgingen. Gerade durch Janines Geschichte hatte Jessica gemerkt, wie glücklich sie sich schätzen konnte, dass ihre Familie und ihre Freunde sie so toll unterstützten. Bisher war das etwas Selbstverständliches für sie gewesen - aber das war es nicht.
Von Tag zu Tag fühlte Jessica sich sicherer im Umgang mit dem Diabetes. Sie lernte, die ersten Mahlzeiten selbst einzuschätzen, sie fand gemeinsam mit Pfleger Jens und Rita Müller das für sie richtige Spritzverhältnis heraus (es war tatsächlich 1:1, den ganzen Tag über - "Na, wenn das mal so bleibt! Das ist ja überhaupt keine Herausforderung für dich, da musst du ja gar nichts rechnen!", hatte Pfleger Jens gelacht) und sie stellte vom Insulin Actrapid auf das schnell wirkende Insulin Novo Rapid um. Das hatte, anders als Actrapid, statt sechs Stunden nur eine Wirkzeit von zwei Stunden, was Jessica viel angenehmer fand. Nachdem es nämlich einmal drei Stunden nach dem Mittagessen überraschend noch Kuchen gegeben hatte, den Jessica aber natürlich beim Spritzen am Mittag noch nicht berücksichtigt hatte und ihn deshalb nicht essen konnte, hatte sie mit Rita Müller gesprochen.
"Du hast Recht, Jessica. Wir werden es mal mit einem anderen Insulin ausprobieren, das eine kürzere Wirkzeit hat. Damit bist du flexibler, weil du nur zwei Stunden warten musst, bis du wieder etwas essen und spritzen kannst", hatte sie gesagt und seitdem lief alles noch viel besser. Durch das neue Insulin fühlte Jessica sich viel weniger eingeschränkt, fast wie früher, als sie noch nichts über Diabetes gewusst hatte und essen konnte, was sie wollte.
Die Hefte von Rita Müller wurden zu Jessicas täglicher Lektüre. Sie fand es spannend, zu lesen, wie Andere Diabetes erlebten und wie man noch vor 10 Jahren mit der Erkrankung umgegangen war. Da hatte es noch richtige Spritzen gegeben und keine Pens, wie Jessica sie kannte.
Sie lernte auch mehr über das Wort, das sie schon zuvor so oft gehört hatte: HbA1c. Das stand für Hämoglobin A1c, einen an Glukose gebundenen roten Blutfarbstoff.
"HbA1c wird auch als Langzeitblutzucker oder anschaulich als Blutzuckergedächtnis beschrieben", hatte Rita Müller erklärt. "Der HbA1c-Wert gibt quasi den mittleren Blutzucker der letzten acht Wochen an. Daran kann man ablesen, wie gut jemand eingestellt ist. Das ist vor allem wichtig, weil ein dauerhaft erhöhter HbA1c-Wert zu Folgeschäden führen kann. Deshalb wirst du auch weiterhin regelmäßig hierher kommen, wir werden über deine Werte reden, Fragen klären, deine Einstellung eventuell korrigieren und eben auch etwas Blut für die Messung des HbA1c entnehmen."
"Was für einen Wert muss ich denn haben, wenn ich Folgeschäden vermeiden will?", hatte Jessica wissen wollen.
"Der HbA1c wird in Prozent ausgedrückt. Bei Menschen ohne Diabetes liegt der Wert um die 5 Prozent. Bei Diabetikern gehen die Meinungen auseinander. Ein Wert unter 7,5 Prozent wäre durchaus erstrebenswert, einer unter 7 allerdings noch besser. Momentan liegt dein Wert noch bei 9,6...", Jessica riss entsetzt die Augen auf, "aber das ist kein Grund zur Beunruhigung, sondern angesichts der Tatsache, dass du schon ungefähr einen Monat vor der Diagnose Diabetes hattest, ganz normal. Du kannst sicher sein, dass dein nächster HbA1c wesentlich besser sein wird, jetzt, wo du Insulin spritzt."
Jessicas Eltern hatten im Internet recherchiert und sich in einem Forum für junge Diabetiker angemeldet, das auch für Angehörige gedacht war. Dort, so erzählten sie Jessica, gab es viele interessante Diskussionen zu lesen und Tipps von Eltern und Kindern mit Diabetes. Auch Tagebücher wurden dort geführt, in denen die Leute über ihre ganz alltäglichen Erfahrungen berichteten. Jessica brannte bereits darauf, sich auch dort anzumelden und mit anderen gleichaltrigen Diabetikern auszutauschen.
Nach Janine war für zwei weitere Tage die 14-jährigen Nicole Jessicas Zimmernachbarin, die nach einem unerkannten Zeckenbiss dort eingeliefert worden war. Nicole war sehr nett und ein eher ruhiges Mädchen. Jessica lernte sie deshalb in den zwei Tagen nicht richtig kennen, führte aber ein paar Gespräche mit ihr, in denen sie ihr stolz berichtete, was sie schon alles über Diabetes wusste. Nicole war beeindruckt davon, wie gut besonders das Spritzen bei Jessica funktionierte ("Ich glaube, das könnte ich nicht einfach so... ich habe echt Angst vor Spritzen!").
Nein, Angst vor Spritzen hatte Jessica zum Glück gar nicht, die Nadel war schließlich auch sehr dünn und kaum spürbar. Und auch die Angst vor Blut und damit vor dem Messen ließ allmählich nach. Es war zwar immer noch befremdlich für Jessica, aber sie wusste, dass sie sich daran gewöhnen würde - das musste sie schließlich auch.
An ihrem neunten Tag im Krankenhaus war es endlich soweit: nachmittags wurde Jessica entlassen. ihr Leben mit dem Diabetes, es fing nun an. Bisher war sie im Krankenhaus wie unter einer Schutzglocke gewesen, wie ein kleines Känguru in Sicherheit im Beutel seiner Mutter; nun zerbrach die Schutzglocke, sie hüpfte aus dem Beutel, um allein klarzukommen. Allein, aber trotzdem mit viel Unterstützung von Familie und Freunden.
Ihr Vater holte sie mit dem Auto ab. Jessica packte ihren Koffer hinein, schloss die Tür hinter sich und trat ihren Weg nach Hause an. Im Radio lief wieder "Don't leave home" und Jessica musste grinsen. Das selbe Lied, aber sie war nun eine Andere. Natürlich veränderte man sich nicht in neun Tagen komplett. Sie liebte noch immer Orangensaft, sie hatte noch immer etwas Angst vor Blut, sie traf noch immer gern ihre Freundinnen und sie war immer noch ein halbes Kind. Aber sie wusste nun so viel, was sie vor neun Tagen noch nicht gewusst hatte. Sie konnte KE und BE unterscheiden, Insulineinheiten berechnen, Werte einordnen. Sie war voller Ehrgeiz. Sie musste nun eine Verantwortung für sich übernehmen, die bisher nicht da gewesen war. Und sie hatte die Menschen in ihrem Umfeld besser zu schätzen gelernt. Diabetes, das war eine Krankheit, aber letztlich war es auch so viel mehr. Es war eine neue Art zu leben, eine schwierigere, diszipliniertere aber auch bewusstere Art. Vieles würde sich ändern, vieles würde bleiben, wie es immer gewesen war. Wer wusste schon, was die Zukunft bringt?

Zu Hause angekommen fühlte Jessica sich jedoch ganz plötzlich ausgelaugt, überfordert. Sie stand nun im Wohnzimmer, die vielen neuen Sachen im Gepäck: Pens, Ampullen, ihr Messgerät, Nadeln.. und das alles sollte sie jetzt irgendwie bewältigen. Ihr kamen die Tränen und sie wusste nicht einmal wieso. Gerade hatte sie sich doch noch so sicher gefühlt!
"Was ist denn los, Jessica?", fragte ihr Vater besorgt und legte einen Arm um sie.
"Ich schaff das alles nicht! Es ist zu viel! Wie soll ich das hinkriegen??", weinte Jessica.
"Du wirst es schaffen, ganz sicher. Aller Anfang ist schwer, aber im Krankenhaus haben dich alle gelobt. Und ich glaube, so plötzlich, wie du jetzt einen Stimmungswechsel hattest, solltest du mal Blutzucker messen. Du weißt doch, Frau Müller meinte, dass Unterzuckerungen sich statt dem üblichen Zittern auch mal durch Aggression oder Traurigkeit äußern können."
Jessica holte ihr Messgerät heraus, legte einen Teststreifen ein, setzte die Stechhilfe an ihren rechten Ringfinger an, drückte ab, wischte den ersten Tropfen Blut ab und trug den zweiten auf den Teststreifen auf. Fast Routine. Nach nur neun Tagen. 5. 4. 3. 2. 1... 57 mg/dl.
"Na, da haben wir ja die Erklärung für deine plötzliche Traurigkeit", lächelte Herr Kissing. "Jetzt aber schnell!" Er reichte Jessica ein Päckchen Traubenzucker aus ihrer Tasche und sie aß schnell ein bisschen davon. Daran würde sie sich noch gewöhnen müssen. Es gab so viele Dinge, die noch unbekannt und neu waren. Jessicas Leben war jetzt anders als zuvor. Aber während sie den zuckersüßen Geschmack auf ihrer Zunge spürte, dachte sie, dass dieses andere Leben mit Achtsamkeit, Disziplin, und den richtigen Leuten an ihrer Seite doch ziemlich gut werden könnte.

ENDE
Zuletzt geändert von Caro am 11. August 2012 12:59, insgesamt 1-mal geändert.
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