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14. Kapitel

Hier findet ihr die Diabetes-Geschichte!
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14. Kapitel

Beitragvon Caro » 12. Juli 2007 16:53

Janines Geheimnis


Als Janine später wieder zurückkam, tat sie so, als sei nichts passiert. Jessica wusste nicht recht, wie sie darauf reagieren sollte. Einerseits war sie froh, dass Janines Verhalten ihr gegenüber sich nicht geändert hatte, andererseits wollte sie bei einem erneuten Aufeinandertreffen von Nathalie und Janine nicht noch einmal Ähnliches erleben. Sie beschloss also, das klärende Gespräch auf später zu verschieben.
Das Abendessen, sowie das Spritzen und Messen verliefen problemlos.
Auch die Nacht war ruhig, sie hatte erneut zwölf Einheiten Lantus gespritzt. Die Schwester war diesmal auch nur um Mitternacht zum Blutzuckermessen gekommen. Zu diesem Zeitpunkt lag Jessicas Wert bei 156 mg/dl, was für diese Uhrzeit vollkommen in Ordnung war.
Am nächsten Morgen fühlte Jessica sich sehr gut. Es war schon ihr vierter Tag im Krankenhaus, sie hatte also fast die Hälfte geschafft. Schwester Victoria maß wie jeden Morgen Jessicas Blutdruck- da hatte sie sich schon dran gewöhnt. Das Blutzuckermessen machte Jessica natürlich selber; ihr Wert lag bei 149 mg/dl, was sie ganz okay fand.
„Gut, Jessica“, meinte auch Schwester Victoria, „du wirst ja ein richtiger Diabetes-Profi.“
So sah sich Jessica selbst zwar noch nicht, aber es tat trotzdem gut, das zu hören. Auch das Spritzen verlief problemlos, aber das war ja von Anfang an so bei ihr gewesen.
Nach dem Frühstück plauderte Jessica ein bisschen mit Janine.
„Sag mal, kommen deine Eltern dich jetzt das erste Mal hier im Krankenhaus besuchen?“, schnitt sie das kritische Thema an.
„Ja“, war alles, was Janine dazu zu sagen hatte.
Diesmal wollte Jessica es allerdings genauer wissen und hakte noch einmal nach: „Ich weiß ja, dass ihr weiter weg von hier wohnt, aber du bist doch auch schon länger hier. Und soweit ich weiß, haben deine Eltern noch nicht einmal hier angerufen.“
Janine senkte den Kopf und murmelte etwas Unverständliches. Es war nichts aus ihr herauszubekommen. Jessica blieb nichts Anderes übrig als abzuwarten.
Die Stunden schienen sich endlos hinzuziehen. Jessica wurde immer aufgeregter. Schließlich stand nicht nur der Besuch von Janines Eltern, sondern auch der ihrer beiden Freundinnen Mary J. und Josi bevor. Wann genau sie kommen würden, wusste sie leider noch nicht, Mary J. hate mittags kurz angerufen und gesagt, Josi müsse wohl noch etwas erledigen, von dem sie nicht wisse, wie lange es dauern würde.
So kam es schließlich, dass Janines Eltern eher ankamen als Jessicas Freundinnen. Um halb drei klopfte es an der Tür. Janine sprang in freudiger Erwartung von ihrem Bett auf (sie schaltete sogar den Fernseher aus!) und rief „Herein!“. Und da standen sie plötzlich im Raum. Herr und Frau Kreiner. Jessica war überrascht, hatte sie doch vermutet, dass die beiden in irgendeiner Hinsicht ungewöhnlich waren. Doch zumindest auf den ersten Blick schien das Ehepaar ganz normal zu sein. Herr Kreiner war ein großer kräftiger Mann mit dunkelbraunen Haaren und markanten Gesichtszügen. Er wirkte nicht unbedingt sympathisch auf Jessica, aber eben auch nicht außergewöhnlich. Herr Kreiner hatte ein sehr selbstsicheres Auftreten, er ging kerzengerade und seine Stimme, als er seine Tochter und Jessica mit einem kurzen „Hallo“ begrüßte, war dunkel und laut. Seine Begrüßung fiel eher distanziert aus, sein „Hallo“ wurde lediglich von einem kurzen Nicken in Richtung der beiden Mädchen begleitet, was das erste war, das Jessica etwas eigenartig fand. Immerhin war eines dieser Mädchen seine Tochter, sie lag im Krankenhaus und hatte sich sehr auf ihn gefreut.
Janines Mutter hatte eine auffallende Ähnlichkeit mit Janine selbst. Als erstes fielen die rotblonden Haare auf, die exakt so aussahen wie Janines. Doch auch ihre Augen und ihr blasser Teint glichen dem ihrer Tochter. Frau Kreiner war eher klein, neben ihrem Mann wirkte sie sogar fast winzig und sie trug eine Brille.
„Hallo, Janine, wie geht es dir?“, begrüßte sie ihre Tochter und umarmte sie, während Herr Kreiner eher unbeteiligt neben Janines Bett stand.
„Mir geht's ganz gut. Das klappt hier alles viel, viel besser. Das“, sie deutete auf Jessica, „ist übrigens Jessica.“
Janines Mutter lächelte Jessica kurz zu und wandte sich anschließend wieder Janine zu.
„Nun erzähl doch mal ein bisschen. Wie sind die Schwestern und Ärzte so? Wie ist das Essen? Bist du hier schon mal umgekippt, wie zu Hause?“
Die letzte Frage erschreckte Jessica. Janine war bei sich zu Hause schon einmal umgekippt? Das hatte sie ihr ja gar nicht erzählt!
„Ja... die Leute hier sind alle ganz okay. Manchmal nerven sie aber auch echt, die kommen sogar nachts hier rein und messen...“
„Du hast es ja nicht anders gewollt“, fiel ihr Vater ihr ins Wort.
„Rainer, bitte“, wandte sich Janines Mutter beschwichtigend an ihren Mann.
„Na ja, das Essen ist auch nicht gerade der Bringer... Aber dafür sind meine Werte besser geworden! Mein höchster Wert in den letzten Tagen war 289 mg/dl und umgekippt bin ich natürlich nicht. Pfleger Jens, der kümmert sich hier um uns, meinte, ich hätte richtige Fortschritte gemacht und...“, sie holte tief Luft und fing an zu strahlen, „Doktor Fuchs meint, ich darf morgen wieder nach Hause!“
Jessica musste unwillkürlich lächeln. Sie freute sich, dass Janine so glücklich war und dass sie sich anscheinend auf dem Weg der Besserung befand. Fast war sie traurig, dass morgen schon alles vorbei sein würde, auch wenn Janine definitiv keine einfache Zimmergenossin gewesen war. Da sah sie plötzlich die angespannten Gesichter von Herrn und Frau Kreiner. Freuten sie sich denn gar nicht für Janine? Waren sie nicht stolz, dass ihre Tochter alles hier so toll meisterte?
„Janine... es tut uns Leid...“, begann ihre Mutter.
Das war kein guter Anfang für einen Freudentanz, fand Jessica. Und sie behielt Recht.
„Wir haben, bevor wir hierher gekommen sind, schon kurz mit Doktor Fuchs geredet und er hat uns erzählt, dass du morgen entlassen werden solltest. Aber das geht leider nicht...“
„WAS?!“, schrie Janine auf. Ihre Augen wurden so groß, dass Jessica Angst bekam, sie könnten herausquillen. Doch auch Jessica wunderte sich. Warum sollte das nicht gehen? Janine war doch so glücklich darüber gewesen!
„Dein Vater und ich, Janine... Wir wollten übers Wochenende wegfahren... Alleine... Das hatten wir schon länger geplant und können das jetzt so kurzfristig nicht mehr absagen...“
„NEIN! Das kann nicht sein! Ich hasse euch! Ich hasse euch!“, Janines Stimme war schrill, sie überschlug sich und erstickte schließlich in einem fürchterlichen Weinkrampf.
Jessica unterdrückte den spontanen Impuls, zu ihr zu gehen und sie tröstend in den Arm zu nehmen. Sie wusste, dies hier war eine Angelegenheit, die sie nichts anging und dennoch steckte sie irgendwie mittendrin.
„Janine, nun reiß dich doch mal zusammen! Montag kannst du ja dann wieder nach Hause!“, sagte ihr Vater in barschem Ton, seine Stimme wurde noch lauter, als sie ohnehin schon war.
Da geschah etwas Seltsames. Etwas, worüber Jessica die ganze Zeit gerätselt und keine Antwort gefunden hatte. Janine schrie und weinte und würgte sogar. Und plötzlich, von einer Sekunde zur nächsten, griff sie zur Fernbedienung und schaltete eine ihrer Kinderserien an. Sie war auf einmal wie weggetreten, starrte in den Fernseher, summte leise eine Melodie vor sich hin. „Sie flüchtet“, dachte Jessica ohne zu wissen warum.
„Janine, bitte, rede mit uns! Mach den Fernseher aus, okay?“, versuchte es Frau Kreiner.
Und da passierte noch etwas, wofür Jessica bislang keine Erklärung gehabt hatte. Janines Mutter griff zur Fernbedienung und schaltete den Fernseher einfach aus.
„Wir wollen mit dir reden, in Ordnung? Da wirst du ja wohl einmal den Fernseher auslassen können!“, sagte Frau Kreiner, mittlerweile schon in etwas lauterem Ton.
„Was soll das?! Du hast mir überhaupt nichts zu sagen! Wenn ich Fernsehen gucken will, dann mache ich das auch!“, kreischte Janine.
Da ging Jessica ein Licht auf. Das waren dieselben Wort, die Janine benutzt hatte, als Nathalie gestern den Stecker herausgezogen hatte. Deshalb war Janine so in die Luft gegangen, deshalb hatte sie sich mit Nathalie angelegt, das war der Grund für alles: Nathalie hatte Janine an ihre Mutter erinnert!
„Jetzt ist es aber mal gut hier!“, brüllte Janines Vater.
Jessica war sich sicher, dass die halbe Station ihn gehört haben musste, aber das schien ihn nicht zu stören, genauso wenig wie Jessicas Anwesenheit.
„Nein! Nein! Nein! Ihr seid blöd! Ich hasse euch!“, schrie Janine nun wieder.
Es schien, als stünde sie kurz vorm Zusammenbruch. Noch nie hatte Jessica einen Menschen so sehr weinen sehen. Noch nie hatte sie jemanden gesehen, der so verzweifelt aussah. Und noch nie hatte sie sich hilfloser gefühlt. Was sollte sie tun? Sie konnte sich ja wohl schlecht einmischen. Aber sie konnte auch nicht so tun, als würde sie nichts mitbekommen.
„So hat das keinen Sinn! Wir gehen jetzt, Janine! Du kommst Montag nach Hause, und damit basta! Tschüss!“, schrie ihr Vater.
Er sah so bedrohlich aus, dass Jessica richtig Angst bekam, obwohl er gar nicht mit ihr, sondern mit Janine sprach. Er war so groß und so mächtig und Janine so klein und zerbrechlich. Es war ein ungleicher Kampf, dessen Verliererin wohl seit Jahren Janine war. Das Verlieren dieses ewigen Kampfes hatte seine Spuren hinterlassen. Jessica vermutete, dass es früher mal anders gewesen war. Früher, als Janine noch ein kleines Kind gewesen war. Das würde zumindest erklären, warum sie sich immer noch die Kindersendungen im Fernsehen anschaute; nämlich, um sich noch einmal in die Zeit zurückzuversetzen, als sie noch nicht kämpfen musste und als sie noch das Gefühl hatte, geliebt zu werden.
Janines Mutter warf einen letzten verzweifelten Blick auf ihre Tochter, halb entschuldigend, halb vorwurfsvoll, dieser typische Mutter-Blick eben, und folgte dann ihrem Mann nach draußen.
„Ja, geht nur! Geht alle!!! Geht, geht, geht!“, heulte Janine.
Die beiden Mädchen waren nun alleine im Zimmer, aber irgendetwas war anders als zuvor. Jessica spürte, dass gerade zwischen ihnen etwas kaputtgegangen war. Der schöne Schein, den Janine hatte wahren wollen. Keine offenen Fragen mehr. Und keine Hoffnung.
Jessica war komplett überfordert mit der Situation.
„Ich haue ab! Noch heute Nacht haue ich ab! Und keiner kann mich aufhalten. Dann werden sie sehen, was sie davon haben! Oder ich bringe mich um...“, flüsterte Janine. „Hört ihr?! Ich bring mich um!“, schrie sie dann laut hinaus.
„Janine, sag doch sowas nicht...“, sagte Jessica mit heiserer Stimme.
„Ach, sei du bloß still! Du- mit deinem perfekten Leben, deiner perfekten Familie, deinen perfekten Freunden! Die perfekte Diabetikerin! Perfekt, perfekt, perfekt! Ich kann dich einfach nicht mehr sehen!“, weinte Janine.
Jessica murmelte etwas wie „Beruhig dich erstmal“ und ging auf den Flur. Er war leer und er war ihr noch nie leerer vorgekommen. Warum gab es Familien, in denen solche Probleme herrschten? Warum wurde das Leben eines so jungen Mädchens wie Janine schon so früh fast ruiniert? Denn, so viel war sicher, das, was Jessica gerade miterlebt hatte, war Alltag in der Familie Kreiner. Jessica ging langsam zum Fenster am Ende des Korridors und schaute hinunter. Wie gut sie es hatte! Das wurde ihr wieder einmal bewusst. Aber wer konnte Janine helfen? Da ging auf einmal neben ihr eine Tür auf und Doktor Fuchs stand vor ihr.
„Nanu, Jessica, was ist denn los mit dir?“
Sah man ihr an, was sie erlebt hatte?
„Nichts, ich... mir geht es gut“, meinte Jessica.
„Nun gut, das kann ich dir zwar nicht recht glauben, aber wenn du nicht darüber reden möchtest, kann ich dich natürlich nicht zwingen“, nickte Doktor Fuchs und ging weiter.
„Doktor Fuchs? Bitte warten Sie!“, rief Jessica.
Sie hatte Angst um Janine bekommen. Die saß ganz alleine im Zimmer. Wenn Jessica nicht wusste, was zu tun war, musste sie zumindest Hilfe holen.
„Könnten Sie bitte nach Janine schauen? Ich glaube... ihr geht es nicht so gut!“
Doktor Fuchs schaute sie lange an, schien zu verstehen, wusste er doch um den Besuch ihrer Eltern. Er nickte kurz wortlos und ging dann ins Schwesternzimmer. Kurz darauf kam er mit Pfleger Jens und Schwester Sonia wieder heraus und die drei gingen in Jessicas und Janines Zimmer.
Jessica wanderte rastlos über den Flur. Sie fühlte sich aufgewühlt und zugleich auf einmal so reif. Sie konnte dieses Gefühl nicht beschreiben, aber sie spürte, dass dieser Moment und dieses Erlebnis sie verändert und ihr dabei geholfen hatte, langsam, ganz langsam, erwachsen zu werden.
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